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Das zischen der sterbenden Kerze

Sf-Shorts

Das Zischen der sterbenden Kerze


I. Der bleiche Wächter
 
Auf dem Mond herrschte eine Stille, die so alt war wie die Zeit selbst. In der Kuppel von Luna-Europa hörte man nur das rhythmische, fast schläfrige Seufzen der Sauerstoffgeneratoren. Es war ein künstliches Atmen, das die 400 Seelen am Leben erhielt, die dort oben wie Insekten in einem Einmachglas lebten. Arthur blickte durch das dicke Quarzglas. Die Erde hing dort oben, oder dort unten, je nach Perspektive, wie ein schmutziger, halb erloschener Saphir. Früher war sie ein Juwel gewesen, das vor Licht und Bewegung nur so strotzte. Jetzt wirkte sie stumpf. Die Lichterketten der Städte waren verblasst, als hätte jemand eine Decke über die Zivilisation geworfen.
„Sie kommen nicht, Arthur“, flüsterte Sarah hinter ihm. Sie roch nach recyceltem Wasser und der sterilen Kälte der Station. „Die Frist ist vor drei Tagen abgelaufen.“
 
Arthur antwortete nicht. Er dachte an Treibstoff. Es war ein seltsames Wort für das Ende der Welt. Man dachte immer, die Welt würde mit einem Knall untergehen, mit Feuer und Zorn. Aber sie ging mit einem Flüstern unter, einem langsamen Ausgehen der Motoren, einem letzten Husten der Maschinen. Der Erde war das Blut ausgegangen. Das schwarze Gold, das einst aus den Wüsten und Meeren sprudelte, war versiegt oder unter dem Schutt von Kriegen begraben.
 
II. Die Geografie des Mangels
Die Berichte des letzten Versorgungsschiffs, der Star-Hope, die vor acht Wochen gelandet war, brannten noch immer in ihren Köpfen. Die Crew war bleich gewesen, ihre Augen voller Panik. Sie erzählten von einer Welt, in der die Räder stillstanden. China und Russland hielten die letzten funktionierenden Raffinerien wie eifersüchtige Drachen unter ihren Flügeln. Wer keinen Treibstoff hatte, hatte keine Stimme. Und die Demokratien des Westens, die einst so stolz auf ihre Logistik waren, saßen nun in der Falle der eigenen Abhängigkeit. Auf dem Mond bedeutete Treibstoff alles. Ohne ihn gab es keine Heizung gegen die zweiwöchige Mondnacht. Ohne ihn gab es keine Druckregulierung. Der Mond war ein wunderschönes Grab, wenn man die Maschinen nicht fütterte.
„Die EU hat sich bewegt“, sagte Arthur schließlich, seine Stimme rau wie Mondstaub. „Der Funkspruch von letzter Woche... bevor die Langstrecken-Relais stumm wurden. Sie haben es 'Operation Phönix' genannt.“
 
III. Das Blut des Drachen
Tausende Kilometer entfernt, unter dem schweren, grauen Himmel Osteuropas, bebte die Erde. Es war kein natürliches Beben. Es war der Marsch der Verzweifelten. Ein Sonderkommando der EU-Staaten, eine hastig zusammengewürfelte Armee aus jenen, die noch genug Diesel für einen letzten Vorstoß hatten, war über die ukrainische Grenze in russisches Territorium eingedrungen. Es war kein Krieg um Ideologien. Es war ein Krieg um die pure Existenz. Arthur schloss die Augen und stellte es sich vor, so wie Bradbury es beschrieben hätte: Er sah die Panzer im Schlamm der Ukraine, wie eiserne Käfer, die mühsam durch den Morast krochen. Er sah die Soldaten, junge Männer aus Paris, Berlin und Kiew, deren Atem in der kalten russischen Luft gefror. Sie kämpften sich auf eine Raffinerie zu, ein monströses Gebilde aus Rohren und Schloten, das wie ein mechanisches Herz im Grenzgebiet pulsierte. Dort, in der Nähe von Rostow, lag die Beute. Ein Ozean aus Kerosin und Öl, bewacht von russischen Einheiten, die ebenso verzweifelt waren. Es war ein Kampf im Zwielicht. Raketen blühten wie tödliche, rote Blumen in der Dunkelheit auf. Metall kreischte auf Metall. Das Blut der Soldaten vermischte sich mit dem Öl, das aus den zerschossenen Leitungen sickerte. Eine schwarze, klebrige Verbindung aus Leben und Energie.
 
IV. Das Spiel der Könige
„Warum teilen sie nicht einfach?“, fragte Sarah. Sie saß auf dem Boden und starrte auf ihre Hände.
 
Arthur lachte trocken. „Weil die Weltpolitik zu einem Nullsummenspiel geworden ist, Sarah. Wenn Peking den Treibstoff teilt, frieren ihre eigenen Fabriken ein. Wenn Moskau ihn abgibt, verlieren sie das letzte Druckmittel. Die Menschheit ist wie ein Ertrinkender, der seinen Retter unter Wasser drückt, nur um eine Sekunde länger atmen zu können.“ Er dachte an die Karten, die sie im Geschichtsunterricht gelernt hatten. Grenzen, die wie Narben über die Kontinente gezogen waren. Jetzt waren diese Narben aufgebrochen. Die Ukraine war zum Schlachtfeld der letzten Hoffnung geworden. Ein Korridor aus Feuer, durch den die Treibstoffkonvois der EU rollen sollten, falls sie die Raffinerien einnehmen konnten.

Aber die Nachrichten waren vage geblieben. „Wir haben die Anlage erreicht“, hieß es im letzten Funkspruch. „Schwere Verluste. Die Russen drohen mit der Selbstzerstörung der Tanks.“ Und dann: Stille.
 
V. Die wartende Leere
Auf dem Mond wurde das Licht in den Korridoren gedimmt. Um Energie zu sparen. Die Dunkelheit kroch näher, ein hungriges Tier, das geduldig darauf wartete, dass die Batterien starben. Die Crew der Mondbasis bestand aus 400 Menschen, die nun wie Geister durch die Schatten schlichen. Sie sprachen kaum noch. Jeder Atemzug erinnerte sie daran, dass der Sauerstoff ein Geschenk der Maschinen war, und die Maschinen forderten ihren Tribut.
 
„Glaubst du, sie haben es geschafft?“, fragte Sarah. „Glaubst du, die LKWs rollen jetzt nach Westen? Dass die Schiffe in den Himmel steigen, um uns zu holen?“
 
Arthur sah wieder zur Erde. Er sah einen winzigen, hellen Punkt im Osten Europas aufleuchten. War es eine Explosion? Oder das triumphale Licht einer brennenden Raffinerie? Er wusste es nicht. Es konnte ebenso gut das Ende der Hoffnung sein.
 
VI. Das Ende des Sommers
In der Welt von Ray Bradbury gab es immer eine gewisse Poesie im Verfall. Arthur stellte sich die Raffinerie vor, wie sie nun im Feuer stand. Ein Denkmal für die Gier und die Notwendigkeit. Vielleicht füllten sie gerade jetzt die Tanks der großen Transporter. Vielleicht kämpften sie sich durch den Schnee zurück nach Europa, verfolgt von Drohnen und dem Zorn eines sterbenden Riesen. Aber hier oben, im sterilen Glanz der Mondkuppel, fühlte sich das alles unendlich weit weg an. Sie waren die Kinder, die auf dem Dachboden zurückgelassen wurden, während das Haus unten brannte.

„Wir werden es wissen, wenn der nächste Morgen kommt“, sagte Arthur. „Entweder wir sehen das Schweiflicht eines Landers am Horizont... oder wir sehen gar nichts mehr.“ Er nahm Sarahs Hand. Sie war kalt. Draußen, auf der staubigen Oberfläche des Mondes, warfen die Krater lange, schwarze Schatten. Die Erde hing unbeweglich am Firmament, ein Rätsel aus Wolken und Asche. In den Tanks der Basis gluckerte der letzte Rest der Reserven. Ein leises Geräusch, wie das Ticken einer Uhr, die kurz davor ist, stehen zu bleiben.
 
Sie warteten. Nicht auf ein Wunder, sondern auf den Treibstoff, der aus dem Schmerz und dem Eisen der Erde gepresst worden war.

Sie warteten auf die Rückkehr der Wärme in einer Welt, die vergessen hatte, wie man teilt.
ENDE

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