Das letzte Bild der Heimat
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Das letzte Bild der Heimat
I. Das Schweigen der Frequenzen
Commander Samuel Aristharkos blickte auf das Oszilloskop, dessen grüne Linie so flach war wie die karge Ebene von Chryse Planitia außerhalb der schützenden Kuppeln. Es war kein technisches Versagen. Die Antennen waren perfekt ausgerichtet, die Relais-Satelliten in der Umlaufbahn funktionierten einwandfrei. Das Problem war die Quelle. Die Erde schwieg.
„Nichts, Sam?“, fragte Dr. Elena Vance. Sie war die leitende Exo-Biologin der Kolonie Ares-Prime und eine der wenigen, die noch die Kraft aufbrachten, den Kontrollraum zu besuchen.
Aristharkos schüttelte den Kopf. „Kein Träger-Signal aus Houston. Keine Breitband-Daten aus Brüssel. Sogar die automatischen Wettersonden der NOAA sind verstummt.“
Seit acht Wochen war kein Versorgungsschiff gelandet. Das letzte Schiff, die Vasco da Gama, war im Februar 2067 hektisch aufgebrochen. Die Besatzung hatte düstere Nachrichten gebracht: Der Konflikt um Taiwan war eskaliert. China hatte Ernst gemacht. Die USA, zerfressen von inneren Unruhen und wirtschaftlichem Verfall, waren kaum handlungsfähig gewesen. Europa hatte versucht, mit den Resten der NATO – Japan, Australien und einer kampfgehärteten Ukraine, eine Verteidigungslinie aufzubauen. Das war das Letzte, was sie wussten. Danach kam das Schweigen.
II. Die Mathematik des Hungers
In der Messe saßen die Menschen schweigend. Es waren nur noch 231 Seelen auf dem Mars. Ingenieure, Botaniker, Geologen. Männer und Frauen, die gekommen waren, um eine neue Welt aufzubauen, und nun feststellen mussten, dass sie auf einer Insel im Nichts gestrandet waren.
„Wir haben Vorräte für zwei, vielleicht drei Monate“, sagte Kaito Tanaka, der Logistikoffizier, während einer Krisensitzung der fünf Führungsmitglieder. „Wenn wir die Kalorienzufuhr auf das absolute Minimum reduzieren, also an die Grenze der Arbeitsunfähigkeit gehen, gewinnen wir vielleicht noch vier Wochen. Aber ohne frisches Saatgut und ohne die Ersatzteile für die Hydrokultur-Filter werden wir verhungern. Langsam.“
„Und das Rettungsschiff?“, fragte Vance.
„Die Icarus?“, Tanaka lachte trocken. „Sie hat kaum genug Treibstoff, um in den Orbit zu gelangen. Ein Rückflug zur Erde erfordert Berechnungen und Beschleunigungsphasen, für die wir keine Chemie mehr haben. Wir sind hier. Und wir bleiben hier.“
Aristharkos rieb sich die Augen. Er dachte an das alte Hubble-Teleskop. Es war ein Relikt aus dem frühen 21. Jahrhundert, längst ersetzt durch James Webb und dessen Nachfolger, doch es kreiste immer noch dort draußen, vergessen in der Leere. Es war für die Erforschung ferner Galaxien gebaut worden, aber seine Spiegel konnten auch umgekehrt werden.
„Wir brauchen Gewissheit“, sagte Aristharkos. „Ich werde versuchen, das Hubble-Relais zu hacken. Es ist alt genug, dass unsere Notfallcodes noch funktionieren könnten. Wir müssen sehen, was dort unten passiert ist.“
III. Der Blick in den Abgrund
Drei Tage dauerte es, die alten Protokolle zu reaktivieren. Die Crew arbeitete mechanisch. Niemand sprach über die Angst. Die Umgebung der Station wirkte plötzlich feindseliger als je zuvor. Der rote Staub, der gegen die verstärkten Fenster peitschte, war nicht mehr nur eine geologische Gegebenheit – er war ein Leichentuch. Schließlich flackerte der Monitor auf. Die Verbindung zum Hubble-Teleskop stand.
„Ich richte den Spiegel aus“, flüsterte Aristharkos. Sein Herz schlug gegen seine Rippen wie ein gefangener Vogel. „Fokussierung auf die nördliche Hemisphäre. Koordinaten Westeuropa... Ostasien.“
Elena Vance trat hinter ihn. Kaito Tanaka und zwei weitere Techniker hielten den Atem an. Das Bild brauchte Minuten, um sich zeilenweise aufzubauen. Die Verzögerung war die grausamste Folter der Physik. Zuerst sahen sie das Blau. Aber es war nicht das leuchtende Saphirblau, das sie von den Fotos ihrer Kindheit kannten. Es war ein schmutziges, trübes Grau-Blau.
„Wolken?“, fragte Vance hoffnungsvoll.
„Nein“, sagte Aristharkos mit belegter Stimme. „Asche. Und Ruß.“
Er zoomte weiter hinein. Wo einst die Lichterketten von Paris, London und Berlin die Nachtseite des Planeten markiert hatten, herrschte nun eine vollkommene, unnatürliche Dunkelheit. Es gab keine künstlichen Lichter mehr. Keine Städte. Nur glühende Narben, die sich über die Kontinente zogen – die Nachglühen von nuklearen Feuern, die ganze Landstriche in Schlacke verwandelt hatten. Sie schwenkten die Kamera nach Osten. Die Küstenlinien von China und Taiwan waren unter einer massiven, schwarzen Decke begraben. Die Atmosphäre der Erde war kollabiert, geschwängert mit dem Staub von einer Milliarde verbrannter Existenzen.
„Dort unten lebt nichts mehr“, flüsterte Tanaka. Es war keine Spekulation. Es war eine mathematische Gewissheit, die aus den Spektraldaten sprach. Die Methan- und CO2-Werte waren sprunghaft angestiegen. Die Erde war kein blauer Punkt mehr. Sie war ein Grab.
IV. Das Dilemma der Wahrheit
Das Schweigen im Kontrollraum war schwerer als die Schwerkraft von Jupiter. Fünf Menschen starrten auf den Monitor, auf dem ihre gesamte Geschichte, ihre Familien, ihre Hoffnungen und ihre Herkunft in einem grauen Dunst erstickt waren.
„Wir können es ihnen nicht sagen“, sagte Vance plötzlich. Ihre Stimme zitterte.
„Wir müssen“, entgegnete Tanaka. „Sie haben ein Recht zu erfahren, warum kein Schiff mehr kommt.“
„Und was dann?“, schrie Vance fast. „Wir haben 226 Menschen dort draußen, die glauben, dass es eine Chance gibt. Wenn wir ihnen das hier zeigen, nehmen wir ihnen die letzten zwei Monate ihres Lebens. Wir verwandeln ihre Hoffnung in einen langen, qualvollen Selbstmord. Willst du, dass sie in Panik ausbrechen? Dass sie die restlichen Ressourcen in Tagen verschwenden, weil es sowieso egal ist?“
Aristharkos blickte auf die Anzeige der Lebenserhaltungssonden. 231 Menschen. Asimovsches Kalkül begann in seinem Kopf zu arbeiten. Das Wohl der Vielen. Aber was war das Wohl der Vielen, wenn das Ende feststand? War es die Wahrheit, die zur Verzweiflung führte, oder die Lüge, die einen friedlichen, wenn auch sinnlosen Tod ermöglichte?
„Wenn wir es verschweigen“, sagte Aristharkos langsam, „werden sie bis zum letzten Tag arbeiten. Sie werden versuchen, die Hydrokulturen zu retten. Sie werden zusammen essen, sie werden Geschichten von der Rückkehr erzählen. Sie werden... als Menschen sterben.“
„Und wenn wir es sagen?“, fragte Tanaka.
„Dann sterben sie als Tiere, die in einem Käfig gefangen sind“, antwortete Aristharkos.
V. Die letzte Entscheidung
Er löschte das Bild. Die Daten wurden tief im geschützten Kern des Bordcomputers vergraben und mit einem Befehlscode versehen, den nur er besaß.
„Commander?“, fragte der junge Funktechniker an der Tür, der gerade zur Schicht kam. „Haben Sie etwas über das Hubble-Teleskop empfangen können? Wissen wir, wann der Nachschub kommt?“ Aristharkos sah seine vier Begleiter an. Er sah das Entsetzen in ihren Augen, das nun hinter einer Maske aus kühler Pflicht verborgen werden musste.
„Die atmosphärischen Störungen durch den Krieg sind stärker als erwartet“, sagte Aristharkos mit fester Stimme. „Das Teleskop konnte keine klaren Bilder liefern. Aber die Berechnungen zeigen, dass die Funkstille noch einige Wochen anhalten könnte. Wir müssen die Rationierung verschärfen, um die Zeit zu überbrücken.“
Der junge Techniker nickte, enttäuscht, aber gefasst. „Verstanden, Sir. Wir schaffen das.“ Als der Techniker ging, wandte sich Aristharkos wieder dem leeren Monitor zu. Er wusste, dass er gerade das Todesurteil für die Menschheit unterschrieben hatte , nicht durch die Tat, sondern durch das Schweigen. Sie waren 231 Menschen auf einem kalten, roten Stein. Sie waren die letzten Zeugen eines sterbenden Universums. Und für die nächsten 90 Tage würden sie die einzige Lüge leben, die das Universum noch zu bieten hatte: die Hoffnung auf ein Morgen, das niemals kommen würde.
ENDE
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