Science-Fiction Kurzgeschichte
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Die Ödnis der Zweibeiner

I. Ein monolithischer Fremdkörper
Das Raumschiff Xylanthrop war kein Schiff im menschlichen Sinne. Es war eine kristalline Struktur, ein Fraktal aus lebendigem Silizium und schimmerndem Plasma, das sich wie eine gigantische, eingefrorene Flamme über den Äquator der Erde gelegt hatte. In seinem Inneren pulsierte kein Lärm von Maschinen, sondern ein rhythmisches, elektrostatisches Summen, der Herzschlag einer Zivilisation, die das Konzept der Zeit längst überwunden hatte. Auf der Brücke, einem gewölbten Raum aus flüssigem Licht, standen die drei Beobachter der Vorhut. Sie waren Humanoiden, doch ihre Evolution hatte andere Pfade gewählt. Ihre Haut war von der Farbe des Quecksilbers, glatt und porenfrei, und ihre Augen waren facettierte Prismen, die das gesamte elektromagnetische Spektrum wahrnahmen. Sie trugen keine Kleidung, sondern feine Gespinste aus gravitativer Energie, die ihre schlanken, sehnigen Körper umhüllten.
„Die Biosphäre ist ein einziges Schluchzen“, sagte Vax, der Erste Analytiker. Seine Stimme wurde nicht durch Schallwellen übertragen, sondern durch direkte neuronale Induktion.
„Ich sehe das Sterben in den Ozeanen. Es ist kein sauberer Tod. Es ist ein Ersticken im eigenen Unrat.“
II. Der Blick durch das Prisma
Die Brücke der Xylanthrop bot einen Ausblick, der jeden Menschen in den Wahnsinn getrieben hätte. Die Aliens betrachteten die Erde nicht als Kontinente und Nationen, sondern als ein komplexes Geflecht aus chemischen Signaturen und Wärmeströmungen. Vax deutete auf eine Datenwolke, die über der nördlichen Hemisphäre schwebte.
„Die Zweibeiner. Die dominante Spezies, wie sie sich selbst in ihrer Hybris nennen. Sie haben das Feuer entdeckt, aber sie haben nie gelernt, es zu löschen. Die Atmosphäre ist gesättigt mit Kohlenstoff und Schwefel. Sie atmen ihren eigenen Zerfall.“
„Sie sind faszinierend in ihrer Beschränktheit“, fügte Kael hinzu, die Spezialistin für Soziogenetik. Ihr Kopf neigte sich in einem unnatürlichen Winkel.
„Sie führen Kriege um Linien, die sie in den Schlamm gezeichnet haben. Sie horten Sprengköpfe, als wären es religiöse Reliquien. Ihre Intelligenz ist eine Fehlfunktion der Evolution, ein scharfer Verstand, der in einem aggressiven Primatengehirn gefangen ist.“
III. Das Dilemma der Brücke
Auf der Brücke entstand eine Schwingung, die unter ihresgleichen als Streit galt.
„Wir sollten jetzt landen“, forderte Zenon, der Kommandant der Militärfraktion. Er war kräftiger gebaut, seine Quecksilberhaut schimmerte in einem aggressiven Violett. „Die Ressourcen im Erdmantel sind stabil. Wir vertreiben die Zweibeiner, reinigen die Atmosphäre mit unseren Partikelfiltern und beginnen mit der Aussaat. Wir haben den Platz auf Kryon-4 verloren. Wir brauchen diesen Felsen.“
Kael schüttelte den Kopf, was wie das Funkeln eines geschliffenen Diamanten wirkte.
„Eine Invasion ist eine Verschwendung von Energie, Zenon. Schau dir die Daten an. Die Spezies Homo Sapiens befindet sich in der finalen Phase der Entropie. In weniger als fünfhundert Standardjahren wird ihre Geburtenrate unter die Sterberate fallen, beschleunigt durch ihre eigenen Giftstoffe und die Unfähigkeit zur globalen Kooperation. Warum sollten wir unsere Soldaten in einen Krieg mit instabilen Wahnsinnigen schicken?“
„Sie sind kriegerisch“, stimmte Vax zu. „Wenn wir jetzt landen, werden sie versuchen, unsere Hülle mit ihren primitiven Kernspaltungswaffen zu beschießen. Es würde uns nicht vernichten, aber es würde den Planeten noch weiter vergiften. Es wäre, als würde man ein Haus besetzen wollen, indem man den Vermieter dazu bringt, es anzuzünden.“
IV. Die Gefühle der Belagerten
Tief unter ihnen, in den Häuserschluchten von New York, Berlin und Shanghai, herrschte eine Atmosphäre der kollektiven Psychose. Die Ankunft der Xylanthrop hatte die letzten Reste der sozialen Ordnung zerfetzt. Die Menschen starrten in den Himmel. Manche beteten, andere feuerten Gewehre in die Leere, wieder andere saßen apathisch in ihren verschmutzten Wohnungen und warteten auf den Schlag, der nicht kam. Es war eine Mischung aus religiöser Ekstase und animalischem Terror. Der Himmel war durch das Raumschiff in ein permanentes, unheimliches Zwielicht getaucht. In den Nachrichtenkanälen stritten Politiker und Generäle über Vergeltungsschläge, während die Wissenschaftler verzweifelt feststellten, dass keine ihrer Sonden die kristalline Hülle auch nur berühren konnte. Sie fühlten sich klein. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte fühlten sich die Menschen nicht wie die Herren der Schöpfung, sondern wie Ameisen, über denen ein Stiefel schwebt. Ein Stiefel, der sich weder senkte noch zurückzog.
V. Die Logik des Wartens
„Der Planet braucht Zeit“, sagte Kael und projizierte eine Simulation auf die Brückenwand. „Sieh dir die Erholungsraten an. Ohne die industrielle Last der Menschen wird der Sauerstoffgehalt in sechs Jahrhunderten wieder auf dem Niveau des Holozäns sein. Die Wälder werden die Ruinen verschlingen. Die Strahlung wird abklingen.“
Zenon blickte auf die flimmernden Städte der Erde, die wie Geschwüre im Dunkeln leuchteten. „Du willst also warten? Während unser Volk in den Kryotanks der Flotte schläft?“
„Es ist die einzige effiziente Lösung“, antwortete Vax kühl. „Invasion bedeutet Chaos. Geduld bedeutet Ernte. Wenn wir in fünfhundert Jahren zurückkehren, wird diese Spezies nur noch eine Schicht im geologischen Sediment sein. Wir werden die Erde nicht erobern müssen. Wir werden sie einfach übernehmen, wenn sie leer ist. Ein gereinigtes Paradies, befreit von dem Lärm und dem Schmutz der Zweibeiner.“
VI. Der Aufbruch ins Schweigen
Die Entscheidung wurde im Konsens der Logik getroffen. Das violette Schimmern in Zenons Haut verblasste zu einem resignierten Silbergrau. Die Xylanthrop begann zu rotieren. Die Gravitationswellen ließen die Ozeane unter ihnen erzittern, was auf der Erde verheerende Tsunamis auslöste – ein unbeabsichtigter Nebeneffekt ihrer Abreise, den die Aliens kaum zur Kenntnis nahmen.
„Lassen wir sie mit ihren Spielen allein“, sagte der Kommandant. „Lassen wir sie ihre kleinen Kriege führen und ihre dreckige Luft atmen, bis das letzte Licht ihrer Zivilisation erlischt.“
Das Raumschiff beschleunigte. In den Augen der Aliens war die Erde kein Ziel mehr, sondern ein Projekt auf Wiedervorlage. Ein schmutziges Juwel, das erst im Schlamm liegen musste, um wieder glänzen zu können. Als das kristalline Schiff den Erdorbit verließ und als funkelnder Stern am Nachthimmel verschwand, jubelten die Menschen unten in den Ruinen. Sie glaubten, sie hätten den Feind vertrieben. Sie feierten ihren vermeintlichen Sieg mit neuem Stolz, zündeten ihre Fabriken wieder an und luden ihre Waffen nach. Sie ahnten nicht, dass ihr Verschwinden bereits beschlossene Sache war, nicht durch die Hand des Fremden, sondern durch ihre eigene. Die Aliens blickten nicht zurück.
In ihrer Zeitrechnung waren fünfhundert Jahre nur ein kurzes Blinzeln. Und sie freuten sich auf die Stille, die sie bei ihrer Rückkehr vorfinden würden.
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