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Das Kalender-Komplott

SF-Shorts > Verschwörung

Der Kalender-Komplott oder: Warum morgen eigentlich gestern ist

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Der Konferenzraum im 144. Stockwerk des „Ministeriums für Temporale Stabilität“ roch nach Ozon, recyceltem Kaffee und schierer Verzweiflung. Dr. Aris Thorne, ein Mann, dessen Haaransatz sich schneller zurückzog als die Polkappen im 22. Jahrhundert, starrte auf das Hologramm vor ihm. Es zeigte eine flimmernde Kurve, die steil nach unten in den Keller der Vernunft raste.

„Das Problem ist nicht die Technik, Aris“, sagte Staatssekretär Vane. Er strich sich über seinen maßgeschneiderten Anzug aus Nanoseide, der die Farbe wechselte, je nachdem, wie korrupt das aktuelle politische Klima war. Momentan war er tief grau mit einem Stich ins Blutrote. „Das Problem ist, dass die Leute aufgehört haben, an den Dienstag zu glauben.“
 
Aris rieb sich die Schläfen. „Vane, wir haben Hyperraum-Antriebe. Wir haben KIs, die Gedichte in binärer Form schreiben, die einen zum Weinen bringen. Und jetzt sagen mir eine Million Menschen in der ‚Zone der Ewigen Ruhe‘, dass es kein ‚Morgen‘ gibt? Dass die Zukunft eine Erfindung der Industrie ist?“
 
„Die Flach-Zeitler, Aris. Sie nennen sich jetzt so“, korrigierte Vane und biss in einen synthetischen Donut, der beim Kauen leise Seufz Geräusche von sich gab. „Sie behaupten, der gregorianische Kalender sei ein raffiniertes Abo-Modell der Uhrenmafia. Sie weigern sich, das Update für ihren Zeit-Chip zu installieren. Für sie ist heute wieder der 23. März 2026. Zum 400. Mal in Folge.“
 
2
 
Draußen, jenseits der Panzerglas Front, tobte der Alltag. Drohnenschwärme lieferten sich kleine Scharmützel um Luftkorridore, während die „Alien-Sichtungen“ über den Megacitys mal wieder Rekordwerte erreichten. Dass es sich dabei lediglich um außer Kontrolle geratene Werbesatelliten handelte, die holografische Tentakel in den Nachthimmel warfen, um für Zahnpasta zu werben, störte niemanden mehr. Die Menschen brauchten ihre Aliens. Es war einfacher, an Invasoren aus dem All zu glauben als an die nächste Steuererhöhung.
 
Aris seufzte und griff nach seinem Aktenkoffer. „Ich fahre in die Zone. Ich werde diesen Leuten mit purer Quantenmechanik beweisen, dass die Entropie eine Einbahnstraße ist.“
 
„Viel Erfolg“, sagte Vane und sah wieder auf sein Tablet. „Und Aris? Wenn du dort bist, frag sie mal, ob sie Steuern zahlen. Wenn es kein Morgen gibt, gibt es theoretisch auch keine Fristen mehr. Das macht das Finanzministerium nervös.“
3
 
Die „Zone der Ewigen Ruhe“ war ein Viertel, in dem die Uhren buchstäblich stillstanden. Hier trugen die Menschen Schlaghosen und analoge Armbanduhren, deren Zeiger sie festgelötet hatten. Es war eine Oase des Retro-Chics inmitten eines Hightech-Albtraums.
 
Aris betrat das Hauptquartier der Flach-Zeitler, ein ehemaliges Kino, das jetzt „Tempel der Gegenwart“ hieß. An der Wand hing ein riesiges Plakat: MORGEN IST EINE LÜGE DER KALENDER-LOBBY!
 
Er wurde von einer Frau namens Luna empfangen. Sie trug ein Gewand aus echtem Leinen – ein unvorstellbarer Luxus in einer Welt aus Polyester-Verbundstoffen – und lächelte ihn so mitleidig an, als wäre er ein Kind, das noch an den Osterhasen glaubt.
 
„Dr. Thorne“, flötete sie. „Sie kommen, um uns von der ‚Zukunft‘ zu erzählen? Von diesem mysteriösen Ort, an dem alles besser wird, der aber seltsamerweise nie erreicht wird?“
 
„Es ist kein Ort, Luna. Es ist eine Dimension!“, rief Aris und baute hektisch seinen Quanten-Projektor auf. „Sehen Sie sich diese Photonen-Verschränkung an. Wenn ich diesen Hebel betätige, wird das Teilchen in den Zustand versetzt, den es in exakt fünf Sekunden einnehmen wird. Das IST die Zukunft!“
 
Luna lachte. Es war ein weiches, fast mütterliches Lachen. „Oh, Aris. Das ist doch nur ein Spezialeffekt. Ein billiger Trick der Industrie, um uns zum Kauf neuer Batterien zu bewegen. Warum sollte ich an fünf Sekunden später glauben, wenn ich jetzt hier sein kann? Ihr Wissenschaftler seid so süchtig nach dem Nächsten, dass ihr das Jetzt völlig vergessen habt.“
 
„Aber morgen ist Dienstag!“, schrie Aris fast. Ein paar Flach-Zeitler im Hintergrund drehten sich empört um. „Wir haben Lieferketten! Wir haben Termine! Wenn niemand an morgen glaubt, bricht die Börse zusammen!“
 
„Die Börse“, wiederholte Luna kopfschüttelnd. „Noch so ein Märchenschloss. Sagen Sie mir, Herr Doktor: Wenn heute Morgen ist, warum fühlt es sich dann genau wie gestern an? Die gleichen Kriege in den Nachrichten, die gleichen korrupten Politiker, die gleiche schlechte Luft. Die Welt da draußen dreht sich im Kreis, aber Sie wollen uns einreden, es gäbe eine Vorwärtsbewegung. Wir sind lediglich die Einzigen, die aufgehört haben, mitzulaufen.“
4
 
Aris starrte auf seine Berechnungen. Er versuchte, ihr die Krümmung der Raumzeit zu erklären, die thermische Asymmetrie, die Unausweichlichkeit des Alterns. „Wenn es keine Zukunft gibt“, setzte er an, „warum werden Sie dann älter?“
 
„Das“, sagte Luna und strich sich eine graue Strähne aus dem Gesicht, „ist lediglich ein Softwarefehler in der Matrix, die Sie uns als Realität verkaufen wollen. Wir arbeiten daran, das Altern durch positives Denken und das Ignorieren von Werbeunterbrechungen zu patchen.“
 
In diesem Moment platzte ein junger Mann in den Raum. Er sah aus, als käme er direkt von einer TikTok-Live-Übertragung. Er hielt sein Smartphone wie eine heilige Reliquie vor sich her.
 
„Leute!“, rief er. „Die Aliens! Sie sind gelandet! Live im Stream über dem Regierungsviertel!“
 
Aris und Luna sahen zum Fenster. Ein riesiges, grün leuchtendes Schiff schwebte über den Wolkenkratzern. Es sah bedrohlich aus, bis sich an der Seite eine gewaltige Leuchtschrift entrollte: „KAUFEN SIE QUANTEN-CHIPS – JETZT AUCH FÜR DIE EWIGKEIT!“
 
Aris ließ den Kopf auf den Tisch sinken. „Es ist nur eine Drohne der Tech-Konzerne.“
 
„Sehen Sie?“, sagte Luna sanft. „Selbst Ihre Aliens sind nur Marketing. Warum sollten wir Ihrer ‚Zukunft‘ trauen, wenn alles darin eine Fälschung ist? Bleiben Sie doch bei uns, Aris. Heute ist ein schöner Tag. Und das Beste daran ist: Er wird nie enden.“
5
 
Zurück im Ministerium saß Aris wieder Vane gegenüber. Der Staatssekretär sah erschöpft aus. Sein Anzug war jetzt pechschwarz.
 
„Und?“, fragte Vane. „Hast du sie überzeugt? Ist morgen Dienstag?“

 
Aris sah auf seine mechanische Armbanduhr, die er sich in der Zone für ein paar Credits gekauft hatte. Er hatte den Sekundenzeiger entfernt.

 
„Wissen Sie was, Vane?“, sagte Aris langsam. „Ich habe die Daten geprüft. Die Quantenfluktuationen sind eindeutig.“

 
„Und?“

 
Aris lehnte sich zurück und lächelte zum ersten Mal seit Jahren. „Morgen ist eine Verschwörung. Ich habe für Dienstag keinen Termin eingetragen. Tatsächlich habe ich beschlossen, dass heute mein letzter Arbeitstag ist. Für immer.“

 
Vane starrte ihn mit offenem Mund an. Aris stand auf, ließ seinen Hightech-Koffer stehen und ging zum Ausgang.

 
„Thorne! Wo wollen Sie hin? Wir haben eine Krise!“, rief Vane ihm nach.

 
„Keine Sorge, Vane“, rief Aris über die Schulter. „Wir sehen uns gestern!“
 
Draußen am Himmel explodierte eine Werbe-Alien-Sonde in bunten Farben. Niemand sah hin. Alle starrten auf ihre Bildschirme und warteten auf das nächste Video, das ihnen erklärte, warum das, was sie gerade sahen, gar nicht passierte. Aris atmete die ozonhaltige Luft tief ein. Er wusste nicht, was die Zukunft bringen würde – und zum ersten Mal in seinem Leben war ihm das völlig egal.

ENDE
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