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Die Ankunft im blutroten Staub

SF-Shorts > Andere Welten

Cydonias letzter Atem

Die Ankunft im blutroten Staub
 
Der Mars war keine Einladung; er war eine kalte, trockene Drohung aus Eisenoxid. Als die Landefähre Vanguard-7 in einer Wolke aus aufgewirbeltem ockerfarbenem Staub im südöstlichen Acidalia Planitia, unweit der Cydonia Colles, aufsetzte, fühlte es sich für Kenji Sato nicht wie ein Triumph an, sondern wie das Betreten eines riesigen, unversiegelten Grabes. Das ferne Heulen des Windes gegen die Titanhülle der Fähre klang wie das Schluchzen einer Welt, die das Atmen vor Äonen verlernt hatte.

 
„Landestützen stabil. Druckausgleich in Sektor Vier eingeleitet“, meldete Alistair Thorne, der britische Kommandant, dessen Stimme selbst in diesem Moment die typische, unterkühlte Ruhe eines Mannes bewahrte, der den Tod im All als rein logistisches Problem betrachtete.

 
Die Crew bestand aus sieben Spezialisten, einer ungewöhnlichen Gemeinschaft, angetrieben vom menschlichen Drang, das Unbekannte zu erforschen: Kenji aus Japan, Alistair aus England, die lettische Chefingenieurin Elīza Kalniņa, der ukrainische Geologe Mykola Fedorov, die französische Exobiologin Dr. Claire Beaumont, der deutsche Archäo-Techniker Lukas Weber und die kanadische Systemanalytikerin Sarah Miller. Ihr Ziel war die Basisstation Alpha-Core, ein modularer Komplex, der bereits Monate zuvor autonom gelandet war.

 
Als die Luke aufglitt und die sieben Astronauten in ihren schweren, mit Nanokeramik beschichteten Exoskeletten den Marsboden betraten, war die Stille absolut. Nur das rhythmische Zischen ihrer Recycler-Einheiten begleitete sie. Sie blickten hinüber zur Basis, die wie ein weißes Insekt in der rostfarbenen Weite hockte. Doch während sie die ersten Versorgungskabel der Vanguard mit der Station verbanden, ahnten sie nicht, dass der wahre Schatz – und der wahre Schrecken – direkt unter ihren Stiefeln wartete.

 
Das Flüstern aus der Tiefe
 
Drei Tage nach der Landung begannen die Ausgrabungen für die unterirdischen Strahlenschutzbunker. Mykola steuerte den ferngelenkten Schwerlastbagger Mole-R, dessen diamantbesetzte Meißel sich kreischend durch den Permafrost und das harte Gestein fraßen.

 
„Hier ist etwas“, sagte Mykola plötzlich über Funk. Sein Tonfall war nicht mehr professionell; er war brüchig. „Lukas, komm mit dem Bodenradar her. Das ist kein Granit.“
 
Lukas Weber trat an den Rand der Baugrube. Sein Scanner war ein Wunderwerk der Radartomografie; er sandte breitbandige Impulse in den Fels und errechnete in Echtzeit ein dreidimensionales Abbild des Untergrunds. Als das Hologramm auf seinem Handgelenkdisplay flackerte, erstarrte er.

 
„Alistair, Claire ... das werdet ihr nicht glauben“, flüsterte Lukas. „Das sind keine geologischen Einschlüsse. Das sind mineralisierte Strukturen.“

 
Zwei Meter unter der Oberfläche, eingebettet in roten Sand, der seit Hunderten Millionen Jahren unberührt geblieben war, lagen Knochen. Es war kein einzelner Fund. Unter ihnen erstreckte sich ein ganzes Feld aus Skeletten, die auf den ersten Blick erschreckend humanoid wirkten. Sie lagen in unnatürlichen Winkeln ineinander verschlungen.
 
Claire Beaumont kniete im Staub nieder und bürstete mit der Präzision langjähriger wissenschaftlicher Feldarbeit den roten Dreck von einem Schädel.

 
„Das ist unmöglich“, murmelte sie. „Die Schichtung ... dieser Fundort ist 500 bis 900 Millionen Jahre alt. Selbst am jüngeren Ende dieser Spanne war komplexes Leben auf der Erde noch auf die Meere beschränkt.“

 
Der Schädel war länglich, die Augenhöhlen gewaltig, der Kiefer schmal. Es gab keine Anzeichen von Karies, aber die Abnutzung der Zähne deutete auf eine raue, unverarbeitete Nahrung hin. Es war das Skelett eines Wesens, das dem Menschen körperlich ähnelte. Noch konnte niemand sagen, wie weit sich seine Kultur entwickelt hatte oder ob es überhaupt eine besessen hatte.

 
Die Kathedrale des Vergessens
 
Die Grabungen wurden ausgeweitet und führten die Crew tiefer in den Untergrund. Dort stießen sie auf ein natürliches Höhlensystem, das sich unter der Landestelle ausbreitete. Geschützt vor kosmischer Strahlung und den Staubstürmen der Oberfläche bot sich ihnen ein Anblick, der ihr Verständnis der Biologie sprengte. In den weiten Gewölben fanden sie die Überreste von Tieren.

Gigantische, sechsbeinige Kreaturen mit chitinartigen Panzern lehnten wie versteinerte Albträume an den Wänden. Andere besaßen flügelartige Membranen, die darauf hindeuteten, dass die Marsatmosphäre einst dicht genug gewesen war, um gewaltige Flugtiere zu tragen. Nichts an diesen Wesen erinnerte an die terrestrische Fauna. Es war eine vollkommen eigenständige Evolution, ein verlorener Entwurf des Lebens.

 
„Seht euch das an“, sagte Sarah Miller und leuchtete mit ihrem Hochleistungsstrahler in eine Nische.

 
Dort kauerten drei der Humanoiden. Sie hielten sich umschlungen. Zwischen ihnen lagen keine Werkzeuge, kein bearbeiteter Stein, kein Schmuck. Nur rohe, aufgebrochene Knochen ihrer Beutetiere.

 
„Sie kannten offenbar kein Feuer“, sagte Claire, während sie die Wände der Höhle untersuchte. Sie ließ das Licht langsam über den Fels wandern.

 
„Keine Rußspuren. Keine Brandstellen. Zumindest nicht in dieser Zuflucht. Sie waren vollständig an diese Welt angepasst – bis die Welt beschloss, sie zu töten.“

 
Elīza Kalniņa untersuchte die Versiegelung am Höhleneingang. Es war eine rührende, verzweifelte Konstruktion: Schlamm, vermischt mit zerstoßenen Pflanzenfasern, der im Laufe der Jahrmillionen zu Stein geworden war. Die Humanoiden hatten versucht, die Höhle von innen abzudichten. Sie hatten versucht, die sterbende Atmosphäre festzuhalten und sie mit ihren bloßen Händen in den Fels zu pressen.

 
„Ihnen ging nicht das Wasser aus“, sagte Elīza leise. „Die eingeschlossenen Gasblasen und Isotopenverhältnisse deuten auf einen rapiden Sauerstoffverlust hin. Der Sonnenwind muss die Atmosphäre so weit ausgedünnt haben, dass der Druck zusammenbrach.“

 
Sie blickte auf die drei Gestalten in der Nische.

 
„Wenn wir die Daten richtig deuten, sind sie erstickt. In der Dunkelheit, in der Kälte, ohne Licht, ohne Hoffnung. Sie haben sich gegenseitig gehalten, während ihnen die Welt die Luft nahm.“

 
Das bittere Erbe
 
In den folgenden Wochen verwandelte sich die Marsmission von einer wissenschaftlichen Expedition in die forensische Untersuchung des Todes eines Planeten. Mykola fand Hinweise auf etwas, das nach allen bisherigen Modellen unmöglich war: den späten, abrupten Zusammenbruch eines bislang unbekannten zweiten Magnetfeldzyklus. Der Befund widersprach allem, was die Menschheit über die Geschichte des Mars zu wissen glaubte. Eine Phase extremer Sonnenaktivität hatte offenbar den Rest besorgt und die Atmosphäre innerhalb weniger Jahrtausende bis auf einen tödlichen Rest ausgedünnt.

 
In der Krankenstation der Basis betrachtete Kenji Sato einen der geborgenen Oberschenkelknochen. Er war vollständig mineralisiert und zugleich so detailgetreu erhalten, dass seine Oberfläche beinahe frisch wirkte. Die Kälte, die Trockenheit und die mineralreichen Sedimente hatten die Toten konserviert wie Ausstellungsstücke in einem Schaukasten der Unendlichkeit.

 
„Wir kamen hierher, um eine neue Heimat zu finden“, sagte Kenji am Abend, als die sieben Astronauten im Gemeinschaftsraum saßen und durch das verstärkte Sichtfenster auf die kahle, tödliche Landschaft blickten. „Wir dachten, der Mars sei eine leere Leinwand. Eine Chance für einen Neuanfang.“

 
Alistair Thorne rührte in seinem synthetischen Tee.

 
„Wir sind nicht die Ersten, die das dachten. Diese Wesen ... sie haben Millionen von Jahren hier gelebt. Erfolgreich, auf ihre Weise. Und sie wurden ausgelöscht, ohne dass das Universum auch nur mit der Wimper gezuckt hat.“

 
Draußen tobte ein Staubsturm und löschte den Horizont aus. Auf den Anzeigen sank die Leistung der Solarfelder, während sich der elektrostatisch aufgeladene Staub in jede ungeschützte Dichtung fraß. Auf den Bildschirmen flackerten die Radardaten der Höhlen, die nun als das kartografiert waren, was sie wirklich waren: die letzte Zuflucht einer gescheiterten Welt.

 
Die Erkenntnis sickerte langsam in ihre Köpfe, schwerer als alles, was sie zum Mars gebracht hatten. Sie sahen die Skelette auf ihren Monitoren, die stummen Zeugen eines Untergangs, gegen den ihre Welt ihnen keine Verteidigung gelassen hatte.

 
Der Mars war kein zweiter Anfang.
 
Er war ein Mahnmal.
 
Die Erde, mit all ihren Fehlern, Kriegen und ihrer schwindenden biologischen Vielfalt, war ein fragiles Juwel in einem Ozean aus schwarzem Gift. Der Mars war niemals ein Fluchtpunkt gewesen. Er war lediglich die Erinnerung daran, was geschieht, wenn eine Welt die Bedingungen verliert, die sie am Leben halten.

 
Die Menschheit konnte Kolonien bauen, Kuppeln errichten und Sauerstoff aus dem Boden pressen. Doch sie würde hier immer nur ein Eindringling in einem Leichenschauhaus bleiben.

 
Die Knochen im Staub flüsterten eine Wahrheit, die niemand hören wollte: Wenn wir unser Zuhause verlieren, gibt es keinen Ort, an den wir gehen können, der uns wirklich will.

 
Der Mars gehörte den Toten.

 
Und das Vakuum wartete geduldig auf die nächste Spezies, die töricht genug war zu glauben, sie könne dem Schicksal eines Planeten entkommen.

 
ENDE
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