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47 Mal das Ende der Welt

SF-Shorts > Endzeit & Neubeginn

Das digitale Echo der Leere

 
47 Mal das Ende der Welt
1
 
Kuno stand in seinem Schutzbunker – der im Grunde nur ein verstärkter Weinkeller in den Vororten von Neo-Stuttgart war – und starrte auf das bläuliche Flimmern seines Handterminals.
 
Draußen war die Zivilisation in einem spektakulären, vollkommen lautlosen Systemabsturz verpufft. Keine Detonationen, keine kinetischen Schläge. Lediglich ein kollektives Software-Update, das die Regierungen vergessen hatten zu installieren, gefolgt von einer spontanen Selbstabschaltung der gesellschaftlichen Ordnung.
 
Die Menschheit war Geschichte, doch die Glasfasertrassen hielten durch wie die Kakerlaken der Infrastruktur.
 
Dank der autarken Solar-Orbiter des Providers Star-Connect existierte im Umkreis von dreitausend Kilometern keine lebende Seele mehr, die eine Einkommensteuererklärung hätte abgeben können – aber Kuno empfing stabile drei Balken im Hochfrequenznetz.
 
"Was für eine Farce", murmelte er und strich über seinen Bart, der mittlerweile die Dichte von Glasfaserdämmwolle erreicht hatte. "Die Gattung Mensch ist offline, aber der Algorithmus verlangt weiterhin ein Feedback zu meiner letzten Konservenbestellung bei Amazon-Interstellar."
 
2
 
 
Kuno versuchte, die archivierte Seite Bauplan_einer_Rattenfalle_aus_Platinen.html aufzurufen. Die Vektoren bauten sich zeilenweise auf, als schriebe man das Jahr 1996. Doch bevor das Schaltschema renderte, legte sich eine halbtransparente Barriere über die gesamte Bildschirmfläche:

 
WIR SCHAETZEN IHRE PRIVATSPHAERE!

 
Kuno stöhnte gequält auf. "Es existiert keine Privatsphäre mehr! Ich bin der einzige biologische Organismus im Postleitzahlengebiet! Ich könnte nackt auf dem Dach des Rathauses Walzer tanzen, ohne ein Sittlichkeitsvergehen auszulösen!"
 
Er visierte die Schaltfläche Alle ablehnen an, doch das Feld war auf Subpixel-Größe programmiert. Stattdessen klappte ein Untermenü mit 452 Schiebereglern für berechtigtes Interesse auf.
 
"Welches Interesse?", brüllte er in die Displayscheibe. "Personalisierte Rabattaktionen für Urnen? Ich bin der letzte Konsument auf diesem Kontinent! Der Markt ist tot!"
 
Sein Armbandterminal vibrierte trocken. Eine Signalleuchte pulsierte in warnendem Scharlachrot.
 
3
 
Kuno ignorierte das Knurren seines Magens, der nach der letzten Ration Kunstprotein verlangte, und öffnete das Postfach.

 
47 UNGELESENE NACHRICHTEN

 
Die Absender waren Gespenster einer Epoche, die längst untergegangen war:
 
1. Inkasso-Bot 2.0: Letzte Zahlungsaufforderung vor automatisierter Pfändung Ihrer Sauerstoffzuteilung.
 
2. Business-Connect: Glückwunsch! Drei Kontakte haben Ihr Profil aufgerufen. Ist Ihre Karriere als Ruinen-Archäologe noch ausbaufähig?
 
3. Pizza-Direkt: Zwei Pizzen zum Preis von einer! Garantiert ofenfrisch (Lieferzeiten können im postapokalyptischen Raum geringfügig abweichen).
 
4. Dating-Plattform Spark: Ein neues Match in Ihrem Radius! Entfernung: 18 Kilometer.

 
Kuno löschte die Mahnung des Inkasso-Algorithmus. "Was wollt ihr pfänden? Das Vakuum da draußen? Die Stille?"
 
Er öffnete die Benachrichtigung der Dating-App. Das Profilbild zeigte eine junge Frau im staubigen Schutzanzug, aufgenommen vor einem verlassenen Beobachtungsdom. Ihr Benutzername lautete Sora. Im Infotext stand: Suche jemanden, der noch zuhören kann und keine Angst vor dem absoluten Nullpunkt hat.
 
Kuno tippte eine Erwiderung: Sitze im Tiefparterre. Habe siebenundvierzig automatisierte Mahnungen, aber keine Ahnung, wie man die Notstromkupplung überbrückt. Interesse an einem analogen Kaffee?
 
4
 
Bevor er den Sende-Vektor betätigen konnte, fror die Anzeige ein. Ein Ladekreis rotierte auf der Glasfläche.
 
BITTE WARTEN... SYSTEM WIRD SYNCHRONISIERT...
 
Kuno starrte auf das rotierende Rad. Das finale Denkmal menschlicher Hybris. Irgendwo in tiefgekühlten Bunkern unter Nevada rechneten die Serverfarmen weiter, fütterten tote Schnittstellen mit Telemetrie und ermittelten Trends für eine Spezies, die nicht mehr existierte.
 
"Das ist die Hölle", philosophierte Kuno, während draußen eine autonome Kurierdrohne gegen die Betonwand seines Bunkers krachte, weil ihr Navigationssystem keine gültige Landelizenz mehr fand. "Ewiges Warten auf den Server-Fehlercode 404."
 
Eine Systemwarnung der Sicherheitssoftware Nest-Aegis schnitt durch den Raum:

 
SICHERHEITSALARM: Ein unautorisierter Nutzer manipuliert die Außen Schleuse. Sicherheitsdienst verständigen (Premium-Abo) oder beleidigende Durchsage über Außen Lautsprecher abspielen (Basis-Version)?

 
Kuno griff nach seinem Brecheisen und schlich zur Monitorwand.
 
Auf dem Kameraschirm stand eine Gestalt im grauen Schutzanzug. Sie hielt ein Diagnosepad in den Händen und trat frustriert gegen die Dichtung.
 
Kuno aktivierte die Gegensprechanlage. "Wer schleicht da herum? Ein Plünderer? Ein Glitch im Algorithmus?"
 
Die Gestalt blickte nach oben in die Linse. Sie entriegelte den Helm und atmete die gefilterte Luft ein.
 
"Sind Sie Kuno? Hier ist der Außendienst von Star-Connect. Ich habe Ihre wiederholten Netzwerk-Pings lokalisiert. Ihr Vertrag ist seit drei Monaten abgelaufen. Ich bin hier, um den Miet-Router einzuziehen."
 
5
 
Kuno starrte die Frau an. Er schwankte zwischen schallendem Gelächter und völliger Fassungslosigkeit.
 
"Die Welt ist untergegangen, die Städte sind leergefegt, und Sie marschieren durch die Einöde, um ein Stück Plastik einzusammeln?"
 
Die Technikerin, deren Dienstabzeichen den Namen Sora trug, zuckte mit den Schultern.
 
"Fristenketten verfallen nicht. Solange der Hauptknoten Energie zieht, generiert das System Mahnläufe und Entzugsaufträge. Sie stehen auf der roten Liste. Und abgesehen davon..." Sie zögerte und blickte kurz auf ihr Pad. "Abgesehen davon war ich Ihr Match bei Spark. Ich dachte mir: Wenn ich schon fünfzehn Kilometer durch Asche laufe, um veraltete Hardware abzuschreiben, können wir das Treffen auch gleich abhaken."
 
Kuno entriegelte die schweren Stahlschotten. Der Geruch von Ozon, trockenem Staub und herbstlicher Kälte zog herein – begleitet von etwas, das er fast vergessen hatte: menschlicher Atem.
 
"Haben Sie Pizza dabei?", fragte er leise.
 
"Nein", sagte Sora und trat über die Schwelle. "Aber ich habe einen Master-Admin-Stick. Ich kann sämtliche Cookie-Banner dieses Kontinents mit einem einzigen Befehl dauerhaft löschen."
 
Kuno lächelte langsam. Es war die schönste Zusage seines Lebens.
 
"Vergessen Sie den Router. Kommen Sie rein. Ich habe hier noch sechsundvierzig ungelesene Systemnachrichten, die wir gemeinsam in den Papierkorb werfen können."
 
 
Draußen am Horizont flackerte das letzte Werbehologramm eines längst liquidierten Konzerns auf und erlosch für immer in der lautlosen Nacht der neuen Welt.
 
ENDE
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