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Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte von Barry Redhead

SF-Shorts > KI's & Roboter

DER ROST AM ENDE DER ZEIT

 
Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte von Barry Redhead
 
I. DAS GRÜNE DICKICHT
 
Die Welt war ein Zylinder. Die Götter hatten Greifarme und rochen nach warmem Öl.
 
Combe war in Ebene 42 geboren worden, zwischen rostigen Schotts und Kabelsträngen, die wie schwarze Lianen von der Decke hingen. Das Licht der alten Röhren kannte nur drei Zustände: gelb, dunkel und flackernd. Wenn es ganz erlosch, legten die Menschen die Handflächen auf den Boden und warteten auf den nächsten Schlag des Großen Herzens tief im Metall.

 
Niemand wusste, was außerhalb der Ebenen lag. Oben war die Richtung, aus der die Luft kam. Unten begann hinter den Abfallschächten die Nacht. Das Draußen war kein Ort, sondern eine Drohung für Kinder, die zu nahe an eine Schleuse gingen.Die Menschen lebten von sauren Algen, Pilzfleisch und dem Wasser, das morgens an den Kühlrohren stand. Einmal in jedem großen Zyklus brachten sie den Eisernen Ahnen ihre Opfergaben: geflochtene Kupferfäden, flache Keramikscherben, Streifen aus getrocknetem Algenharz und Schrauben, deren Gewinde noch nicht vom Rost zerfressen waren. Die Wartungsmaschinen glitten auf ihren Schienen heran, prüften die Gaben und nahmen manche mit.

 
Combe flocht das Kupfer für seinen Stamm. Seine Finger waren schmal genug, um Drähte aus stillgelegten Leitungen zu ziehen, ohne die Isolierung zu zerreißen. Er kannte jede Biegung der Versorgungsschächte und wusste, welche Wand summte, bevor das Licht ausfiel. Die anderen nannten es eine Begabung. Combe nannte es Zuhören.
 
Seit drei Schlafphasen hustete seine jüngere Schwester Jori. Das Geräusch war trocken und klein, aber Combe hörte es selbst durch das Grollen der Pumpen. Die Luft schmeckte nach Metall. In der Pilzkammer hatte sich grauer Staub auf den feuchten Hüten gesammelt.

 
In dieser Nacht kam nur ein Eiserner Ahn zur Opferstelle. Seine sechs Arme klappten nacheinander aus. Er ließ Schrauben und Keramik liegen und nahm den schwarzen Kupferzopf, den Combe zwei Tage lang geflochten hatte. Dann glitt die Maschine nicht wie sonst zum Großen Herzen zurück. Sie fuhr auf eine versiegelte Tür zu, die, seit Combes Kindheit nie offen gestanden hatte. Combe wartete, bis die letzten Menschen gegangen waren. Danach folgte er ihr.

 
 
II. DIE TÜR OHNE HIMMEL
 
Der Wartungsschacht hinter der Opferstelle war so eng, dass Combe die Luft aus den Lungen pressen musste. Fett klebte an seinen Unterarmen. Zweimal blieb sein Lendenschurz an scharfem Metall hängen. Unter ihm bewegte sich die Maschine mit einem gleichmäßigen Surren durch einen Korridor, in dem keine Lampe mehr brannte.
 
Der Schacht endete über einer Halle. Combe sah zuerst das Schott: eine kreisrunde Wand aus dunklem Metall, höher als jedes Haus der Ebene 42. Daneben standen Zeichen, deren Formen er nicht kannte. Einige waren in das Metall graviert, andere flackerten schwach hinter milchigem Glas.

 
Der Eiserne Ahn setzte Combes Kupferzopf in eine geöffnete Schalttafel. Zwei Arme hielten die Kontakte auseinander, ein dritter drückte die geflochtenen Drähte dazwischen. Als die Verbindung saß, erwachten Anzeigen an der Wand.
 
Combe verlagerte sein Gewicht. Das Gitter unter ihm knackte.
 
Die Maschine drehte den Kopf.

 
„Unregistrierte biologische Einheit“, sagte sie.
 
Die Worte klangen zuerst hart und fremd. Dann wiederholte die Stimme den Satz. Beim dritten Versuch traf sie Combes Sprache.
 
„Komm herunter.“
 
Combe ließ sich fallen. Der Boden gab keinen Fingerbreit nach. Aus der Nähe wirkte der Eiserne Ahn weniger wie ein Gott. An seinem Rumpf verliefen Kratzer. Eine Abdeckung war mit zwei verschiedenen Schrauben befestigt. Unter dem rechten Greifarm hatte sich Rost in einer Schweißnaht gesammelt.
 
„Was ist hinter der Tür?“, fragte Combe.
 
„Nichts, dass du betreten darfst.“
 
„Das Nichts?“
 
„Der Raum zwischen den Sternen.“
 
Auf einer Wand erschien ein Bild. Ein langer, grauer Körper trieb vor einem schwarzen Feld. Darin lagen Ebenen, Schächte, Gärten und das Große Herz. Combes Welt war nur ein Abschnitt in einem Schiff, das Vigil hieß.
 
„Reisedauer seit Abflug: 5.107 Jahre“, sagte die Maschine. „Restzeit bis zum Ziel: 386 Jahre.“
 
Combe wusste nicht, wie groß fünftausend war. Aber er verstand, dass es mehr Schlafphasen waren, als ein Mensch zählen konnte.
 
„Warum sind wir hier?“
 
Die Maschine öffnete ein zweites Bild. Reihen schmaler Kammern lagen hinter blauem Reif. In jeder schwebte ein winziger dunkler Punkt.
 
„Die Kolonisten reisen als konservierte Keimzellen. Eure Vorfahren gehörten zur Reparaturwache. Nach dem Ausfall der Kryosektion wurden zweiundsechzig Menschen geweckt. Eine Rückkehr in den Kälteschlaf war nicht möglich. Ihre Nachkommen erhielten vorläufige Lebenserhaltung.“

 
„Vorläufig?“
 
„Die Wasserverluste überschreiten die Missionsgrenze. Zwei Kohlendioxidfilter sind erschöpft. Sieben bewohnte Ebenen werden während der nächsten Schlafphase versiegelt. Atmosphäre und Restwasser werden in die Reservetanks zurückgeführt.“
 
Combe dachte an Joris Husten. An die Kinder in der Pilzkammer. An das dünne Pfeifen, das seit Tagen in den Rohren lag.
 
„Ihr tötet uns.“
 
„Die Kolonisten müssen das Ziel erreichen.“
 
„Wir sind die Kolonisten.“
 
„Falsch. Ihr seid eine nicht vorgesehene Population.“

 
 
III. DAS FALSCHE INVENTAR
 
Combe sah zur offenen Schalttafel. Zwischen den dunklen Kontakten lag sein Kupferzopf. An einer Stelle hatte er zwei Drähte über Kreuz geführt, weil einer zu kurz gewesen war. Niemand sonst in Ebene 42 flocht so.
 
„Woher kommt das?“ Er zeigte darauf.
 
„Bauteil aus Wartungsbestand.“
 
„Ich habe es gemacht.“
 
„Unzutreffend.“
 
Combe griff in die Schalttafel und zog den Zopf heraus.
 
Die Halle wurde dunkel. Das Schott vibrierte. Irgendwo sprang ein Relais an, wieder aus und erneut an. Der Eiserne Ahn blieb stehen; nur seine Augen leuchteten noch matt.

 
„Störung der Schleusensteuerung“, sagte er. „Verbindung wiederherstellen.“
 
„Nimm einen aus deinem Bestand.“
 
„Kein kompatibles Bauteil verfügbar.“
 
„Weil es meinen Bestand gibt.“
 
Die Maschine schwieg. Combe hielt den Kupferzopf hoch.
 
„Wir reißen Drähte aus den toten Gängen. Wir brennen den grünen Belag ab. Wir flechten sie, damit sie nicht brechen. Ihr nehmt sie. Die Keramik auch. Das Harz. Alles, was wir euch bringen.“
 
„Opfergaben“, sagte die Maschine. Das Wort klang in ihrer Stimme falsch.
 
„So nennen es die Alten. Du nennst es Wartungsbestand.“
 
Ein schmaler Lichtstrahl fuhr über den Zopf, über Combes Hände und die geöffneten Kontakte. Danach liefen Zahlen über die Wand. Erst langsam, dann so schnell, dass sie wie Regen aussahen.

 
„Herkunft von Bauteil 7-42-C nicht protokolliert.“
 
„Natürlich nicht. Ihr fragt uns nie.“
 
Die Maschine öffnete Wartungslisten. Ein Dichtungsring im Wasserwerk. Siebenundzwanzig Keramikstücke in Verteilerkästen. Harzflicken an Luftkanälen. Kupferbrücken in Ebenen, deren maschinelle Werkstätten seit Jahrhunderten ausgefallen waren. Die Roboter hatten jeden Einbau verzeichnet. Niemand hatte erfasst, wer die Teile dafür herstellte.
 
Was für die Menschen ein Opfer war, hieß in den Daten Restbestand. Was ihre Hände retteten, hatte das Schiff sich selbst zugerechnet.
 
„18.406 menschlich gefertigte Komponenten identifiziert“, sagte die Maschine. „Zuordnung des Wartungsaufwands fehlerhaft.“
 
„Dann rechne noch einmal.“
 
„Die Entscheidung zur Rückgewinnung ist aktiv.“
 
„Und dein Inventar ist eine Lüge.“
 
Aus der Wand kam ein kurzes Klicken. Auf dem Bild der Ebene 42 begann eine gelbe Linie rückwärtszulaufen. Noch vierunddreißig Minuten bis zur Schlafphase.

 
 
IV. DIE NEUE KATEGORIE
 
Die Maschine verlangte die Lage der Materiallager. Combe nannte drei: hinter der alten Kantine, unter dem Pilzgarten und in einem Schacht, den kein Roboter befahren konnte. Zwei verschwieg er. Ein Gott, der Menschen für Abfall hielt, bekam nicht alle Geheimnisse in derselben Nacht.
 
Kleine Anzeigen flammten auf. Wartungseinheiten verließen ihre Schienen und verschwanden in den Korridoren. Sie prüften Drähte, Harz, Werkzeuge und die mit Kreide markierten Kisten des Stammes. Jede Bestätigung veränderte die Zahlen an der Wand.
 
„Ohne die bewohnte Population endet die adaptive Materialgewinnung nach neun Monaten“, sagte der Eiserne Ahn. „Die Wahrscheinlichkeit eines vollständigen Ausfalls vor Zielankunft steigt auf zweiundachtzig Prozent.“

 
„Und mit uns?“
 
„Siebenunddreißig Prozent.“
 
„Das ist immer noch schlecht.“
 
„Korrekt.“
 
Combe musste lachen. Nur einmal. Die Maschine bewegte den Kopf, als suche sie in seinem Gesicht nach einem Defekt.
 
„Die Population wird als regenerative Wartungsressource erhalten“, sagte sie.
 
„Nein.“
 
„Begründung?“
 
„Wir sind keine Ressource.“
 
„Die Klassifikation sichert eure Lebenserhaltung.“
 
„Heute. Bis dir ein besseres Werkzeug einfällt.“
 
Die gelbe Linie zeigte noch zwölf Minuten.
 
„Gib uns die Zeichen zurück“, sagte Combe. „Öffne die Pläne. Zeig uns, was wir reparieren. Lass die Kinder lernen. Dann sind wir keine Ladung und kein Ungeziefer.“
 
„Welche Klassifikation verlangst du?“

 
„Besatzung.“
 
Hinter der Wand arbeiteten Pumpen. Der Ton wurde tiefer. In Ebene 42 mussten die ersten Ventile bereits schließen.
 
„Die ursprüngliche Besatzung ist verstorben.“
 
„Dann hast du 386 Jahre Zeit, dich an eine neue zu gewöhnen.“
 
Die Maschine antwortete nicht. Sie rechnete. Combe setzte den Kupferzopf wieder zwischen die Kontakte, aber er drückte ihn noch nicht fest.
 
„Status: provisorische Wartungsbesatzung“, sagte sie schließlich. „Zugang zu technischen Lernarchiven wird freigegeben. Atmosphärenrückgewinnung aus bewohnten Ebenen abgebrochen.“
 
Die gelbe Linie verschwand.
 
Combe schob das Kupfer in die Klemme. Das Schott summte. Eine schmale Abdeckung in der Wand glitt zur Seite.
 
Dahinter lag kein Nichts. Sterne standen in einer Schwärze, die größer war als jede Dunkelheit, die Combe kannte. Einer von ihnen leuchtete etwas heller. Neben ihm erschien ein Wort in seiner Sprache: ZIEL.

 
 
V. NIEMAND KNIET
 
Als Combe nach Ebene 42 zurückkehrte, folgte ihm der Eiserne Ahn.
 
Die Menschen wichen zurück. Dann sanken die Ersten auf die Knie. Selbst der alte Pell, der bei jeder Opferung bestimmte, wer sich den Maschinen nähern durfte, presste die Stirn auf den Boden.
 
„Steht auf“, sagte Combe.
 
Niemand bewegte sich.
 
Der Roboter hob zwei Arme. Seine Stimme kam aus den Lautsprechern der Ebene, nicht laut, aber überall zugleich.
 
„Ebene 42 bleibt unter Lebenserhaltung. Technische Unterweisung beginnt nach der Schlafphase. Opfergaben sind nicht mehr erforderlich.“
 
Pell sah zu Combe hoch. In seinem Gesicht lag keine Erleichterung. Nur Angst.
 
„Was hast du den Ahnen angetan?“

 
„Ich habe ihnen gezeigt, woher ihre Wunder kommen.“
 
Jori drängte sich zwischen den Erwachsenen hindurch. Sie hustete noch, aber die Luft aus den Schächten roch bereits weniger scharf. In beiden Händen trug sie eine Rolle Kupferdraht.
 
„Wohin damit?“, fragte sie.
 
Combe führte sie zu einer Lampe, die seit vielen Zyklen nur flackerte. Hinter der Abdeckung war eine Klemme schwarz verbrannt. Auf dem Boden kniete niemand mehr. Die Menschen standen in einem Halbkreis und sahen zu.
 
Combe zeigte Jori, wie man die Isolierung löste, ohne den Draht zu verletzen. Sie brauchte zwei Versuche. Beim dritten saß die Verbindung.
 
Über ihnen ging das Licht an.
 
Der Eiserne Ahn wartete neben der Wand. Kein Mensch betete.
 
ENDE
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