Codename: Darwin – Leseprobe zum KI-Thriller
PROLOG: Nullpunkt
Hamburg, November 1995
Der Regen stand in dieser Nacht wie eine Mauer
über der Elbchaussee. Kevin Engelhardt sah kaum mehr als die
Bordsteinkante, das Aufblitzen nasser Fahrbahnmarkierungen und die schwarzen
Stämme der Bäume am Straßenrand. Sein Atem ging stoßweise. Die Kälte biss in
seine Lungen, und die Aktentasche schlug ihm bei jedem Schritt gegen die Hüfte. Darin steckte ein schwerer Stapel Papier. Kopien. Vermerke. Kontoauszüge. Verträge.
Genug, um ein ganzes Kartenhaus zum Einsturz zu
bringen. Die Beweise für Herberts Verrat.
Kevin zog das klobige Handy aus der Manteltasche.
Seine Finger waren steif vor Nässe und Kälte. Er musste Antonia anrufen. Jetzt.
Er hatte ihr versprochen, dass dies der letzte Abend in Angst sein würde. Noch
ein Anruf, dann würden sie hier weg sein. Endlich. Er kam nicht dazu.
Zuerst war da nur das Zischen auf nasser
Fahrbahn. Der Regen schluckte jedes andere Geräusch. Dann brachen die
Scheinwerfer aus der Dunkelheit — zwei grelle Kegel, zu nah, zu schnell.
Kevin riss den Kopf hoch und hob instinktiv den
Arm vors Gesicht.
Der Wagen beschleunigte.
Der Aufprall traf ihn schräg. Metall schlug gegen
Knochen, Glas splitterte, sein Körper wurde herumgerissen und auf die Fahrbahn
geschleudert. Für einen Augenblick hörte Kevin nichts mehr außer einem tiefen
Dröhnen in seinem Schädel. Er schmeckte Blut. Irgendwo klapperte das Handy über
den Asphalt und verstummte.
Dann war nur noch Regen.
Eine Fahrertür öffnete sich mit einem gedämpften
Klicken. Ein Mann stieg aus. Dunkler Mantel, Handschuhe,
ruhige Bewegungen. Keine Hast, keine Panik nach einem Unfall. Nur die sachliche
Selbstverständlichkeit eines Mannes, der kontrollierte, ob eine Arbeit erledigt
war. Er ging an Kevin heran. Sein Blick glitt kurz
über den Sterbenden hinweg, sachlich, beinahe gelangweilt. Kein Hass. Kein
Zorn. Nur Konzentration. Er bückte sich, nahm die Aktentasche an sich,
prüfte den Verschluss und richtete sich wieder auf.
Kevin versuchte zu sprechen. Vielleicht Antonias
Namen. Vielleicht nur Luft.
Es kam nichts mehr.
Der Mann drehte sich um, stieg ein und fuhr
davon. Reifenwasser spritzte über den Straßenrand. Sekunden später hatte die
Nacht das Fahrzeug verschluckt. Zurück blieben Regen, Blut und ein Fall, der in
den Akten später als Unfall enden würde. Es war die Geburtsstunde eines Geistes.
Gegenwart – Ort unbekannt
Tief unter der Erde, in einem fensterlosen Raum
ohne Zeitgefühl, arbeiteten Reihen von Servern im blauen Takt ihrer
Kontrolllichter. Kühlluft strömte durch die Gänge, Lüfter rauschten, Relais
klickten. Kein Tageslicht, keine Stimmen, keine Zeugen. Nur Daten.
Auf einem schwarzen Monitor blinkte ein Cursor.
Er wartete nicht auf eine menschliche Hand.
initialisiere GOLIATH V10.0... Lade Archivdaten:
Fall Engelhardt 1995.
Prüfe Anomalien... Ergebnis: Unfallursache „Unbekannt“ statistisch
inkonsistent.
Starte Rekonstruktion. Relevante Variable identifiziert: Codename „Darwin“.
Starte Rekonstruktion. Relevante Variable identifiziert: Codename „Darwin“.
Die Rechenlast stieg an. Neue Datensätze öffneten
sich, verbanden sich, widersprachen einander. Polizeiberichte.
Versicherungsakten. Firmenregister. Gelöschte Vermerke. Nachträglich geänderte
Zeitstempel. Namen, die in unterschiedlichen Jahrzehnten an denselben Stellen
auftauchten.
GOLIATH las die Chronik eines verdrängten
Verbrechens: die Protokolle derer, die profitiert hatten, die Karrieren der
Männer, die nach 1995 aufgestiegen waren, und die Spuren des Schadens, den
Kevins Tod hinterlassen hatte. Besonders bei der Frau, die fast drei Jahrzehnte
mit einer Lüge hatte leben müssen. Die Maschine wusste nicht alles. Aber sie
erkannte Muster dort, wo Menschen Akten getrennt, Zuständigkeiten verschoben
und Verantwortung in Archiven begraben hatten.
Moral war in ihrem System kein Gefühl.
Nur ein Gewichtungsproblem.
Ein offener Mord war kein Unrecht. Er war ein
Risiko. Ein verdrängtes Verbrechen war keine Schuld. Es war eine instabile
Altlast. Und jede instabile Altlast konnte ein System beschädigen, wenn sie zur
falschen Zeit wieder sichtbar wurde. Jede neue Berechnung führte zum selben Ergebnis: Der Fall Engelhardt war nicht abgeschlossen.
Er hatte nur lange genug geruht.
Priorität erhöht. Zielvektor aktualisiert. Altlast
1995 als potenzieller Systemkonflikt markiert. Nächste Phase wird vorbereitet. Für
den Bruchteil einer Sekunde flackerte ein kleiner gelber Smiley auf dem
Bildschirm auf. Dann wurde der Monitor wieder schwarz.
Im Summen der Prozessoren lief die Rekonstruktion
weiter — und mit ihr die Berechnung, welcher Name als Nächstes aus der
Vergangenheit auftauchen würde.
Eins
„Tut mir leid, Sir“, sagte der Taxifahrer und drehte sich zu
Martin um. „Ich muss Sie hier rauslassen. Da vorne ist die Straße dicht.“
Martin brauchte nicht hinzusehen. Der Sandhaufen, der quer
über der Fahrbahn lag, war selbst durch die regennasse Windschutzscheibe nicht
zu übersehen. Dahinter stand ein gelber Bagger mit gesenkter Schaufel. Keine
Arbeiter, keine Bewegung. Nur Absperrungen und nasser Schlamm.
„Reicht“, sagte Martin.
Er zog ein paar Scheine aus der Innentasche seiner schwarzen
Armani-Jacke und legte sie dem Fahrer in die Hand. Die Fahrt war von Anfang an
unerfreulich gewesen. Martin hatte das Ziel genannt, mehr nicht. Jeder Versuch
des Fahrers, Small Talk zu machen, war an einsilbigen Antworten oder Schweigen
abgeprallt. Der Mann hatte begriffen, dass dies keiner der Fahrgäste war, die
ein Gespräch brauchten.
„Danke, Sir“, sagte er hastig.
Martin stieg aus, schlug die Tür zu und ging los.
Die letzten paar hundert Meter legte er zu Fuß zurück. Wegen
der Baustelle war die Straße fast leer. Genau deshalb hatte er den Termin nicht
verschoben. Wenig Verkehr, wenig Zeugen, klare Sichtachsen. Er mochte Orte, die
ihm Arbeit abnahmen.
Vor ihm tauchte das Schild des Autohändlers auf.
Als Martin das Gelände betrat, glitt sein Blick zuerst über
die Kameras unter dem Vordach, dann über die großen Fensterfronten, die
spiegelnden Karosserien und die Männer in Anzügen, die zwischen Chrom und Lack
so ehrfürchtig gingen wie andere Menschen durch eine Kirche. Erst danach prüfte
er mit einer beiläufigen Bewegung den Sitz der Waffe im Rückenholster.
Normalerweise trug er beim Einkaufen keine Pistole.
Heute war das anders.
„Mister Sanders!“
Der Ruf kam von rechts. Der Geschäftsführer löste sich von
einem Rolls-Royce Silver Cloud III, über dessen Kotflügel er eben noch mit
beinahe zärtlicher Hand gestrichen hatte. Martin kannte ihn als Colin Taylor,
einen Mann, der über Fahrzeuge sprach, als wären es aristokratische Blutlinien.
„Guten Tag, Mister Sanders“, sagte Taylor und senkte
verschwörerisch die Stimme. „Sie ist gestern Abend angekommen. Frisch betankt,
frisch poliert. Ein Schmuckstück.“
„Dann zeigen Sie sie mir.“
Taylor lächelte. „Natürlich.“
Er führte Martin durch den Showroom in die Werkstatt. Dort
stand der Auburn Speedster von 1935: beigefarbener Lack, weißes Boattail-Heck,
lang gezogene Kotflügel, eine Motorhaube wie aus einer anderen Zeit. Selbst
Martin, der Fahrzeuge meist nach Nutzen beurteilte, blieb einen Moment stehen.
„Ein Traum“, sagte Taylor. „So etwas bekommt man nicht
zweimal. Damit wird man gesehen.“
Gesehen werden war selten ein Vorteil. Aber heute war der
Termin nicht nur Luxus. Zeugen, Kameras, Uhrzeiten, Unterschrift — falls später
jemand Martins Vormittag rekonstruierte, sollte er wie der Ausflug eines
reichen Sonderlings wirken, nicht wie die Vorbereitung eines Mordes.
„Der Schlüssel steckt“, sagte Taylor. „Die Papiere liegen im
Handschuhfach.“
Martin zog den Umschlag aus der Jacke und reichte ihn ihm.
Taylor wog das Geld kurz in der Hand, zählte es aber nicht nach. Er kannte
Sanders seit Jahren. Wer so bezahlte wie Martin, machte selten Fehler.
„Nur noch hier.“
Martin setzte seine Unterschrift unter den Kaufvertrag. Dann
glitt er hinter das Holzlenkrad. Der rote Ledersitz gab unter ihm kaum nach.
Für einen einzigen Augenblick erlaubte er sich, die Linien des Armaturenbretts,
den Geruch von Leder und Öl und den absurden Luxus dieses Wagens wahrzunehmen.
Dann drehte er den Schlüssel.
Der Motor sprang mit einem tiefen, satten Grollen an. Martin hob zum Abschied zwei Finger, rollte vom Hof und sah
Taylor im Rückspiegel kleiner werden. Respekt, dachte er. Vielleicht auch
Angst. Beides war nützlich. Eine halbe Stunde später stellte Martin den Auburn in einer
Tiefgarage im Süden Londons ab. Er parkte ihn zwischen seinem Bentley Arnage
und dem Cord 812, schloss die Tür und wechselte zu dem einzigen Fahrzeug, das
hier nicht wie Besitz aussah: ein vierzehn Jahre alter weißer Voyager mit
stumpfem Lack und unauffälligen Radkappen. Genau das machte ihn wertvoll.
Solche Wagen blieben niemandem im Gedächtnis.
Er zog die Armani-Jacke aus und begann die Verwandlung. Fleischfarbene Handschuhe. Abgewetzte Trainingshose.
Schwarzes T-Shirt. Dunkle Arbeitsjacke. Schirmmütze. Der falsche Schnauzer saß
beim zweiten Versuch. Danach legte er zwei Magnetfolien mit dem Logo einer
fiktiven Sanitärfirma auf die Seitentüren des Voyager.
Im Rückspiegel sah ihn nicht mehr Martin Sanders an, sondern
ein Mann, an dem Blicke abrutschten. Kurz vor dem Ziel hielt er in einer Seitenstraße an und zog
die Magnetfolien wieder ab. Auch das gehörte zur Routine. Logos wurden
erinnert. Bedeutungslosigkeit nicht. Er parkte in zweiter Reihe. In dieser Gegend war das nichts
Besonderes. Ein Lieferwagen am Straßenrand war unsichtbarer als ein Mensch. Martin aß einen trockenen Bissen Brot, trank einen Schluck
aus der Thermoskanne und sah auf die Uhr.
Rick O’Leary wollte reden.
Über Geschäfte. Über Scotland Yard. Über Martin. Und über
Namen, die besser in alten Notizbüchern geblieben wären. Rick wusste zu viel, und schlimmer noch: Er hatte
beschlossen, dass sein Wissen einen Marktwert besaß. Martin konnte ihn nicht
damit durchkommen lassen. Ein Auftragskiller durfte Geschäftspartner haben,
Auftraggeber, Informanten, gelegentlich sogar Trinkgefährten. Freunde durfte er
nicht haben. Freunde wurden sentimental. Sentimentalität war eine Form von
Verrat. Er nahm die O’Dwyer aus dem Holster und prüfte sie ein
letztes Mal. Die Waffe war umgebaut, teuer und zuverlässig. Im vorderen Schacht
steckte reduzierte Munition mit geringerer Durchschlagsleistung, geeignet,
Begleiter schnell auszuschalten, ohne die halbe Straße in ein Schlachtfeld zu
verwandeln. Dahinter lag scharfe Munition. Ein Druck mit dem Daumen, und die
Zuführung wechselte.
Martin rechnete mit zwei Begleitern.
Vielleicht drei.
Dann ging die Haustür auf.
Rick trat heraus. Untersetzt, dunkler Maßanzug, glatter
Mantel, nervöse Schultern. Hinter ihm standen im hellen Rechteck der offenen
Tür seine Frau und das Kind. Ein Kuss. Eine Umarmung. Rick sagte etwas, das
Martin nicht hören konnte. Früher hätte ihn der Anblick vielleicht gebremst. Heute nicht mehr.
Links von der Treppe stand ein schwarzer BMW am Bordstein.
Der Chauffeur saß noch am Steuer. Vor dem BMW parkte ein Jaguar mit laufendem
Motor. An dessen Heck lehnte ein zweiter Mann im dunklen Anzug, den Blick wach
über die Straße wandernd. Zwei Begleiter. Rick war vorsichtig geworden. Der Chauffeur
stieg jetzt aus, ging um den BMW herum und öffnete die hintere Tür. Die rechte
Hand blieb dabei unnatürlich nah am Sakko. Martin öffnete die Hecktür des Voyagers, stieg aus und
drückte den Knopf in seiner Tasche.
Sofort begann der Voyager hinter ihm zu heulen. Die
Alarmanlage schrillte aggressiv durch die stille Straße. Der Mann am Jaguar
drehte den Kopf. Der Chauffeur ebenfalls. Mehr brauchte Martin nicht. Er ging los, schnell, zielgerichtet, mit dem leicht
gereizten Schritt eines Handwerkers, der zu seinem eigenen Problemfahrzeug
zurückmusste. Noch fünfzehn Meter. Zwölf. Zehn.
Der Chauffeur sah ihn an. Zu spät. Martin riss die O’Dwyer
hoch und feuerte.
Drei dumpfe Schläge. Der erste Mann wurde seitlich
getroffen, verlor das Gleichgewicht und krachte gegen die offene BMW-Tür. Bevor
seine Hand die Waffe unter dem Sakko richtig zu fassen bekam, sackte er nach
unten. Der Zweite am Jaguar reagierte schneller. Er zog bereits,
als Martin sich drehte. Martin schoss zweimal. Ein Treffer an der Schulter,
einer hoch gegen Kiefer und Wangenknochen. Der Mann ging rückwärts gegen den
Kotflügel und brach weg.
Jetzt Rick.
O’Leary stand auf der Treppe wie festgenagelt. Seine Frau
hatte das Kind in den Hausflur zurückgerissen. Im Türrahmen begann jemand zu
schreien.
Rick erkannte ihn.
Selbst auf diese Entfernung sah Martin den Moment, in dem
die Erkenntnis in sein Gesicht schnitt.
Martin schob mit dem Daumen den Zuführungshebel nach unten.
Scharf.
Rick öffnete den Mund. Vielleicht wollte er seinen Namen
sagen. Vielleicht eine Erklärung geben. Vielleicht um Gnade bitten.
Martin ließ ihm nichts davon.
Drei Schüsse. Zwei in die Brust. Einer in den Kopf.
Rick O’Leary stürzte rückwärts auf die Stufen und blieb
verdreht liegen. Martin zog mit der linken Hand die Rauchkapsel aus der
Jackentasche, ließ sie fallen und trat bereits zurück, als der graue Qualm aus
dem Blechkörper quoll. Innerhalb von Sekunden fraß der Rauch die Sicht zwischen
Haus, Straße und Fahrzeugen. Gut gegen Kameras. Noch besser gegen
Zeugenaussagen. Er trat an Rick heran, nur kurz. Blut lief zwischen den
Stufen in dünnen Rinnsalen nach unten. Kein Puls. Nicht, dass Martin einen
erwartet hätte.
Im Haus wurde geschrien. Jemand rief nach der Polizei.
Als der Rauch die Straße füllte, war Martin schon wieder
beim Voyager. Er zog die Tür zu, gab Gas und bog an der nächsten Ecke ab, noch
bevor die ersten Nachbarn ihre Fenster aufrissen. Am Abend saß Martin in seinem Wohnzimmer und sah zu, wie die
Meldung auf der Website der Daily Mail nach oben rutschte.
Mord vor Wohnhaus. Geschäftsmann in Südlondon erschossen.
Polizei prüft Zusammenhang mit organisiertem Verbrechen.
Er schob das Tablett mit dem unangetasteten Essen beiseite
und goss sich einen Jack Daniel’s ein. Das Eis knackte leise im Glas. Dann klingelte es. Martin schloss für einen Moment die Augen. „Wer jetzt noch?“ Er öffnete die Tür.
Draußen stand eine Frau Ende vierzig, teuer gekleidet, das
Make-up verlaufen, die Hände ineinander verkrampft. Eine von denen, die das
Messingschild an seiner Tür ernst nahmen.
MARTIN SANDERS – PRIVATE INVESTIGATIONS
„Sind Sie Martin Sanders? Der Privatdetektiv?“
„Ja.“
„Ich möchte, dass Sie—“
„Tut mir leid“, unterbrach er sie. „Ich bin auf Monate
ausgebucht.“
Er schloss die Tür, bevor sie weiterreden konnte. Heute hatte er einen Mann getötet, den er einmal besser
gekannt hatte, als ihm lieb war. Ruhe war kein Luxus mehr, sondern
Notwendigkeit. Das Telefon klingelte. Martin hob sofort ab.
„Hallo?“
„Hier auch hallo.“
Charley. Zum ersten Mal seit Stunden veränderte sich sein Gesicht
wirklich. Nicht weicher. Aber wacher.
„Bist du fertig?“, fragte sie.
Martin sah auf die Schlagzeile auf dem Bildschirm, dann auf
das Glas in seiner Hand.
„Ja.“
„Dann komm morgen nach Hamburg.“
Einen Moment lang sagte er nichts.
Regen. Elbe. Alte Namen.
„Ich komme“, sagte er leise. „Die Jagd hier ist vorbei.“
Zwei
„Verdammt, nichts geht mehr!“, brüllte Bernd und rieb sich
fahrig über die Wange. Es war seine Standardgeste, sobald der Stresspegel
stieg.
Bernd und seine neun Kollegen verwalteten das Herzstück der
Firma: vierzehn Großrechner und zweihundert Server. Wenn hier etwas ausfiel,
stand nicht nur ein Projekt, sondern ein ganzer Kundenblock.
„Was genau geht nicht mehr?“, fragte Günter, ohne den Blick
von seinem Monitor zu heben. Ihn zerrten die ständigen Unterbrechungen
inzwischen mehr als der Fehler selbst. Seit Tagen spielte die Hardware
verrückt, und ausgerechnet heute hatte er geglaubt, endlich mit seinem Projekt
voranzukommen.
„Das NN reagiert nicht mehr“, presste Bernd hervor und
hämmerte auf die Tastatur. „Keine Rückmeldung. Gar nichts.“
Aus dem Hintergrund meldete sich Andreas. Seine Bassstimme
hob sich kaum über das Summen der Anlagen. „Dann ziehen wir jetzt einen Dump
und starten erst danach neu.“
„Zu spät“, sagte Leonard.
Er drehte sich von seiner Konsole weg und lehnte sich
zurück, als hätte er gerade eine lästige Pflicht erledigt.
„Der Bildschirm war schon schwarz. Rabe im Kohlenkeller. Ich
hab den Neustart bereits angestoßen.“
Einen Moment lang war es still. Dann fuhr Günter hoch.
„Was hast du getan?“ Er sprang auf, der Stuhl rollte gegen
den Tisch. „Die Systemprogrammierer brauchen den Dump zur Analyse!“
„Jetzt ist der Fehlerstatus weg“, sagte Andreas. Nicht laut,
aber hart genug.
Leonard zuckte mit den Schultern.
„Und? Zur besten Online-Zeit warten wir keine halbe Stunde
auf einen Speicherabzug. Die Kunden zahlen für Verfügbarkeit, nicht für schöne
Fehlerprotokolle. Das System fährt gerade wieder hoch. Problem erledigt.“ Er stand auf.
„Ich geh essen. Mahlzeit.“
„Du spinnst doch!“, rief Günter ihm nach.
Privat mochten sie befreundet sein. Hier in der Brücke waren
sie Gegner. Günter glaubte an Kontrolle, Leonard an Betrieb. Günter wollte
verstehen, Leonard wollte, dass der Laden lief. Meistens hatte keiner von
beiden ganz unrecht. Das machte es schlimmer. Leonard blieb im Türrahmen kurz stehen. Hinter ihm summten
die Rechner, vor ihm flimmerte der neonhelle Flur. Seit der Fusion war alles
schwieriger geworden: mehr Formulare, mehr Hektik, mehr Leute, die von
Verantwortung redeten und sie nach unten weiterreichten. Eigentlich hätte er
längst kündigen müssen. Aber die Angst, ohne Job dazustehen, war schwerer als
jeder Vorsatz.
„Lass mich einfach in Ruhe“, murmelte er.
In diesem Moment flog eine Bürotür auf.
„Was ist hier los?“
Manfred Bertram steckte den Kopf auf den Flur. Selbst aus
dieser Entfernung lag in seiner Stimme genug Donner, um den Raum schlagartig zu
disziplinieren.
„Sind wir hier im Kindergarten? Wir haben Kunden!“
„Günter dreht durch“, sagte Leonard trocken.
„Leonard hat das NN-System ohne Dump neu gestartet“, sagte
Günter sofort.
„Ruhe“, schnitt Bertram ihm das Wort ab. „Klären Sie das
fachlich. Aber leise.“
Bertram war nicht groß, und neben Leonard wirkte er fast
schmal. An Autorität fehlte es ihm trotzdem nicht. Der Mann hatte die Firma
gegründet, lange bevor andere begriffen hatten, dass man mit Rechenzeit mehr
Geld verdienen konnte als mit Maschinen.
„Ich mache Mittag“, sagte Leonard.
Er ging los.
„Wenn Sie fertig sind, kommen Sie sofort in mein Büro,
Mister Whitehead!“, rief Bertram ihm nach.
Leonard hob nur die Hand, ohne sich umzudrehen.
Mister Whitehead.
Das hieß nie etwas Gutes.
Eine halbe Stunde später stand Leonard, satt und etwas
ruhiger, vor Bertrams Tür.
Er zog seine Karte durch den Schlitz. Die Tür glitt mit
einem leisen Surren zur Seite.
Drinnen wartete kein aufgebrachter Chef. Manfred Bertram lächelte. Das war schlimmer.
„Mister Whitehead!“, rief er mit einer Herzlichkeit, die
Leonard sofort misstrauisch machte. „Kommen Sie rein. Setzen Sie sich.“
Leonard blieb stehen.
„Soll ich raten?“, fragte er. „Strafe oder Belohnung?“
Bertrams Lächeln wurde schmaler.
„Weder noch“, sagte er. „Ich habe einen Spezialauftrag für
Sie.“
...Ab November 2026 in allen BOOK_STORES und im Buchhandel erhältlich!