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Codename:Darwin - Thriller und Krimi Webseite von F. B. Redhead

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Codename:Darwin

PROLOG: Nullpunkt

 
Hamburg, November 1995
 
Der Regen stand in dieser Nacht wie eine Mauer über der Elbchaussee. Kevin Engelhardt sah kaum mehr als die Bordsteinkante, das Aufblitzen nasser Fahrbahnmarkierungen und die schwarzen Stämme der Bäume am Straßenrand. Sein Atem ging stoßweise. Die Kälte biss in seine Lungen, und die Aktentasche schlug ihm bei jedem Schritt gegen die Hüfte. Darin steckte ein schwerer Stapel Papier. Kopien. Vermerke. Kontoauszüge. Verträge. Genug, um ein ganzes Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Die Beweise für Herberts Verrat. Kevin zog das klobige Handy aus der Manteltasche. Seine Finger waren steif vor Nässe und Kälte. Er musste Antonia anrufen. Jetzt. Er hatte ihr versprochen, dass dies der letzte Abend in Angst sein würde. Noch ein Anruf, dann würden sie hier weg sein.
Endlich.
 
Er kam nicht dazu. Zuerst war da nur das Zischen auf nasser Fahrbahn. Der Regen schluckte jedes andere Geräusch. Dann brachen die Scheinwerfer aus der Dunkelheit — zwei grelle Kegel, zu nah, zu schnell. Kevin riss den Kopf hoch und hob instinktiv den Arm vors Gesicht. Der Wagen beschleunigte.
 
Der Aufprall traf ihn schräg. Metall schlug gegen Knochen, Glas splitterte, sein Körper wurde herumgerissen und auf die Fahrbahn geschleudert. Für einen Augenblick hörte Kevin nichts mehr außer einem tiefen Dröhnen in seinem Schädel. Er schmeckte Blut. Irgendwo klapperte das Handy über den Asphalt und verstummte. Dann war nur noch Regen. Eine Fahrertür öffnete sich mit einem gedämpften Klicken. Ein Mann stieg aus. Dunkler Mantel, Handschuhe, ruhige Bewegungen. Keine Hast, keine Panik nach einem Unfall. Nur die sachliche Selbstverständlichkeit eines Mannes, der kontrollierte, ob eine Arbeit erledigt war.
 
Er ging an Kevin heran. Sein Blick glitt kurz über den Sterbenden hinweg, sachlich, beinahe gelangweilt. Kein Hass. Kein Zorn. Nur Konzentration. Er bückte sich, nahm die Aktentasche an sich, prüfte den Verschluss und richtete sich wieder auf. Kevin versuchte zu sprechen. Vielleicht Antonias Namen. Vielleicht nur Luft. Es kam nichts mehr. Der Mann drehte sich um, stieg ein und fuhr davon. Reifenwasser spritzte über den Straßenrand. Sekunden später hatte die Nacht das Fahrzeug verschluckt. Zurück blieben Regen, Blut und ein Fall, der in den Akten später als Unfall enden würde.
 
Es war die Geburtsstunde eines Geistes.
 
Gegenwart – Ort unbekannt
 
Tief unter der Erde, in einem fensterlosen Raum ohne Zeitgefühl, arbeiteten Reihen von Servern im blauen Takt ihrer Kontrolllichter. Kühlluft strömte durch die Gänge, Lüfter rauschten, Relais klickten. Kein Tageslicht, keine Stimmen, keine Zeugen. Nur Daten. Auf einem schwarzen Monitor blinkte ein Cursor.
 
Er wartete nicht auf eine menschliche Hand. initialisiere GOLIATH V10.0... Lade Archivdaten: Fall Engelhardt 1995. Prüfe Anomalien... Ergebnis: Unfallursache „Unbekannt“ statistisch inkonsistent. Starte Rekonstruktion. Relevante Variable identifiziert: Codename „Darwin“. Die Rechenlast stieg an. Neue Datensätze öffneten sich, verbanden sich, widersprachen einander. Polizeiberichte. Versicherungsakten. Firmenregister. Gelöschte Vermerke. Nachträglich geänderte Zeitstempel. Namen, die in unterschiedlichen Jahrzehnten an denselben Stellen auftauchten.
 
GOLIATH las die Chronik eines verdrängten Verbrechens: die Protokolle derer, die profitiert hatten, die Karrieren der Männer, die nach 1995 aufgestiegen waren, und die Spuren des Schadens, den Kevins Tod hinterlassen hatte. Besonders bei der Frau, die fast drei Jahrzehnte mit einer Lüge hatte leben müssen.
 
Die Maschine wusste nicht alles. Aber sie erkannte Muster dort, wo Menschen Akten getrennt, Zuständigkeiten verschoben und Verantwortung in Archiven begraben hatten. Moral war in ihrem System kein Gefühl. Nur ein Gewichtungsproblem. Ein offener Mord war kein Unrecht. Er war ein Risiko. Ein verdrängtes Verbrechen war keine Schuld. Es war eine instabile Altlast. Und jede instabile Altlast konnte ein System beschädigen, wenn sie zur falschen Zeit wieder sichtbar wurde. Jede neue Berechnung führte zum selben Ergebnis: Der Fall Engelhardt war nicht abgeschlossen. Er hatte nur lange genug geruht.
 
Priorität erhöht. Zielvektor aktualisiert. Altlast 1995 als potenzieller Systemkonflikt markiert. Nächste Phase wird vorbereitet. Für den Bruchteil einer Sekunde flackerte ein kleiner gelber Smiley auf dem Bildschirm auf. Dann wurde der Monitor wieder schwarz. Im Summen der Prozessoren lief die Rekonstruktion weiter — und mit ihr die Berechnung, welcher Name als Nächstes aus der Vergangenheit auftauchen würde.
 
Eins
 
„Tut mir leid, Sir“, sagte der Taxifahrer und drehte sich zu Martin um. „Ich muss Sie hier rauslassen. Da vorne ist die Straße dicht.“
 
Martin brauchte nicht hinzusehen. Der Sandhaufen, der quer über der Fahrbahn lag, war selbst durch die regennasse Windschutzscheibe nicht zu übersehen. Dahinter stand ein gelber Bagger mit gesenkter Schaufel. Keine Arbeiter, keine Bewegung. Nur Absperrungen und nasser Schlamm.
„Reicht“, sagte Martin.
 
Er zog ein paar Scheine aus der Innentasche seiner schwarzen Armani-Jacke und legte sie dem Fahrer in die Hand. Die Fahrt war von Anfang an unerfreulich gewesen. Martin hatte das Ziel genannt, mehr nicht. Jeder Versuch des Fahrers, Small Talk zu machen, war an einsilbigen Antworten oder Schweigen abgeprallt. Der Mann hatte begriffen, dass dies keiner der Fahrgäste war, die ein Gespräch brauchten.
 
„Danke, Sir“, sagte er hastig.
 
Martin stieg aus, schlug die Tür zu und ging los. Die letzten paar hundert Meter legte er zu Fuß zurück. Wegen der Baustelle war die Straße fast leer. Genau deshalb hatte er den Termin nicht verschoben. Wenig Verkehr, wenig Zeugen, klare Sichtachsen. Er mochte Orte, die ihm Arbeit abnahmen. Vor ihm tauchte das Schild des Autohändlers auf. Als Martin das Gelände betrat, glitt sein Blick zuerst über die Kameras unter dem Vordach, dann über die großen Fensterfronten, die spiegelnden Karosserien und die Männer in Anzügen, die zwischen Chrom und Lack so ehrfürchtig gingen wie andere Menschen durch eine Kirche. Erst danach prüfte er mit einer beiläufigen Bewegung den Sitz der Waffe im Rückenholster. Normalerweise trug er beim Einkaufen keine Pistole. Heute war das anders.
 
„Mister Sanders!“
 
Der Ruf kam von rechts. Der Geschäftsführer löste sich von einem Rolls-Royce Silver Cloud III, über dessen Kotflügel er eben noch mit beinahe zärtlicher Hand gestrichen hatte. Martin kannte ihn als Colin Taylor, einen Mann, der über Fahrzeuge sprach, als wären es aristokratische Blutlinien.
 
„Guten Tag, Mister Sanders“, sagte Taylor und senkte verschwörerisch die Stimme. „Sie ist gestern Abend angekommen. Frisch betankt, frisch poliert. Ein Schmuckstück.“
 
„Dann zeigen Sie sie mir.“
 
Taylor lächelte. „Natürlich.“
 
Er führte Martin durch den Showroom in die Werkstatt. Dort stand der Auburn Speedster von 1935: beigefarbener Lack, weißes Boattail-Heck, lang gezogene Kotflügel, eine Motorhaube wie aus einer anderen Zeit. Selbst Martin, der Fahrzeuge meist nach Nutzen beurteilte, blieb einen Moment stehen.
 
„Ein Traum“, sagte Taylor. „So etwas bekommt man nicht zweimal. Damit wird man gesehen.“
 
Gesehen werden war selten ein Vorteil. Aber heute war der Termin nicht nur Luxus. Zeugen, Kameras, Uhrzeiten, Unterschrift — falls später jemand Martins Vormittag rekonstruierte, sollte er wie der Ausflug eines reichen Sonderlings wirken, nicht wie die Vorbereitung eines Mordes.
 
„Der Schlüssel steckt“, sagte Taylor. „Die Papiere liegen im Handschuhfach.“
 
Martin zog den Umschlag aus der Jacke und reichte ihn ihm. Taylor wog das Geld kurz in der Hand, zählte es aber nicht nach. Er kannte Sanders seit Jahren. Wer so bezahlte wie Martin, machte selten Fehler.
 
„Nur noch hier.“
 
Martin setzte seine Unterschrift unter den Kaufvertrag. Dann glitt er hinter das Holzlenkrad. Der rote Ledersitz gab unter ihm kaum nach. Für einen einzigen Augenblick erlaubte er sich, die Linien des Armaturenbretts, den Geruch von Leder und Öl und den absurden Luxus dieses Wagens wahrzunehmen. Dann drehte er den Schlüssel. Der Motor sprang mit einem tiefen, satten Grollen an. Martin hob zum Abschied zwei Finger, rollte vom Hof und sah Taylor im Rückspiegel kleiner werden. Respekt, dachte er. Vielleicht auch Angst. Beides war nützlich. Eine halbe Stunde später stellte Martin den Auburn in einer Tiefgarage im Süden Londons ab.

Er parkte ihn zwischen seinem Bentley Arnage und dem Cord 812, schloss die Tür und wechselte zu dem einzigen Fahrzeug, das hier nicht wie Besitz aussah: ein vierzehn Jahre alter weißer Voyager mit stumpfem Lack und unauffälligen Radkappen. Genau das machte ihn wertvoll. Solche Wagen blieben niemandem im Gedächtnis. Er zog die Armani-Jacke aus und begann die Verwandlung. Fleischfarbene Handschuhe. Abgewetzte Trainingshose. Schwarzes T-Shirt. Dunkle Arbeitsjacke. Schirmmütze. Der falsche Schnauzer saß beim zweiten Versuch. Danach legte er zwei Magnetfolien mit dem Logo einer fiktiven Sanitärfirma auf die Seitentüren des Voyager. Im Rückspiegel sah ihn nicht mehr Martin Sanders an, sondern ein Mann, an dem Blicke abrutschten. Kurz vor dem Ziel hielt er in einer Seitenstraße an und zog die Magnetfolien wieder ab. Auch das gehörte zur Routine. Logos wurden erinnert. Bedeutungslosigkeit nicht.

 
Er parkte in zweiter Reihe. In dieser Gegend war das nichts Besonderes. Ein Lieferwagen am Straßenrand war unsichtbarer als ein Mensch. Martin aß einen trockenen Bissen Brot, trank einen Schluck aus der Thermoskanne und sah auf die Uhr. Rick O’Leary wollte reden. Über Geschäfte. Über Scotland Yard. Über Martin. Und über Namen, die besser in alten Notizbüchern geblieben wären. Rick wusste zu viel, und schlimmer noch: Er hatte beschlossen, dass sein Wissen einen Marktwert besaß. Martin konnte ihn nicht damit durchkommen lassen. Ein Auftragskiller durfte Geschäftspartner haben, Auftraggeber, Informanten, gelegentlich sogar Trinkgefährten. Freunde durfte er nicht haben.

Freunde wurden sentimental. Sentimentalität war eine Form von Verrat. Er nahm die O’Dwyer aus dem Holster und prüfte sie ein letztes Mal. Die Waffe war umgebaut, teuer und zuverlässig. Im vorderen Schacht steckte reduzierte Munition mit geringerer Durchschlagsleistung, geeignet, Begleiter schnell auszuschalten, ohne die halbe Straße in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Dahinter lag scharfe Munition. Ein Druck mit dem Daumen, und die Zuführung wechselte. Martin rechnete mit zwei Begleitern. Vielleicht drei. Dann ging die Haustür auf. Rick trat heraus. Untersetzt, dunkler Maßanzug, glatter Mantel, nervöse Schultern. Hinter ihm standen im hellen Rechteck der offenen Tür seine Frau und das Kind. Ein Kuss. Eine Umarmung. Rick sagte etwas, das Martin nicht hören konnte. Früher hätte ihn der Anblick vielleicht gebremst.  Heute nicht mehr. Links von der Treppe stand ein schwarzer BMW am Bordstein. Der Chauffeur saß noch am Steuer. Vor dem BMW parkte ein Jaguar mit laufendem Motor. An dessen Heck lehnte ein zweiter Mann im dunklen Anzug, den Blick wach über die Straße wandernd.

 
Zwei Begleiter. Rick war vorsichtig geworden. Der Chauffeur stieg jetzt aus, ging um den BMW herum und öffnete die hintere Tür. Die rechte Hand blieb dabei unnatürlich nah am Sakko. Martin öffnete die Hecktür des Voyager, stieg aus und drückte den Knopf in seiner Tasche. Sofort begann der Voyager hinter ihm zu heulen. Die Alarmanlage schrillte aggressiv durch die stille Straße. Der Mann am Jaguar drehte den Kopf. Der Chauffeur ebenfalls. Mehr brauchte Martin nicht. Er ging los, schnell, zielgerichtet, mit dem leicht gereizten Schritt eines Handwerkers, der zu seinem eigenen Problemfahrzeug zurückmusste. Noch fünfzehn Meter. Zwölf. Zehn.

Der Chauffeur sah ihn an. Zu spät. Martin riss die O’Dwyer hoch und feuerte. Drei dumpfe Schläge. Der erste Mann wurde seitlich getroffen, verlor das Gleichgewicht und krachte gegen die offene BMW-Tür. Bevor seine Hand die Waffe unter dem Sakko richtig zu fassen bekam, sackte er nach unten. Der Zweite am Jaguar reagierte schneller. Er zog bereits, als Martin sich drehte. Martin schoss zweimal. Ein Treffer an der Schulter, einer hoch gegen Kiefer und Wangenknochen. Der Mann ging rückwärts gegen den Kotflügel und brach weg. Jetzt Rick.
 
O’Leary stand auf der Treppe wie festgenagelt. Seine Frau hatte das Kind in den Hausflur zurück gerissen. Im Türrahmen begann jemand zu schreien. Rick erkannte ihn. Selbst auf diese Entfernung sah Martin den Moment, in dem die Erkenntnis in sein Gesicht schnitt. Martin schob mit dem Daumen den Zuführungshebel nach unten. Scharf. Rick öffnete den Mund. Vielleicht wollte er seinen Namen sagen. Vielleicht eine Erklärung geben. Vielleicht um Gnade bitten. Martin ließ ihm nichts davon. Drei Schüsse. Zwei in die Brust. Einer in den Kopf. Rick O’Leary stürzte rückwärts auf die Stufen und blieb verdreht liegen.
 
Martin zog mit der linken Hand die Rauchkapsel aus der Jackentasche, ließ sie fallen und trat bereits zurück, als der graue Qualm aus dem Blechkörper quoll. Innerhalb von Sekunden fraß der Rauch die Sicht zwischen Haus, Straße und Fahrzeugen. Gut gegen Kameras. Noch besser gegen Zeugenaussagen. Er trat an Rick heran, nur kurz. Blut lief zwischen den Stufen in dünnen Rinnsalen nach unten. Kein Puls. Nicht, dass Martin einen erwartet hätte. Im Haus wurde geschrien. Jemand rief nach der Polizei. Als der Rauch die Straße füllte, war Martin schon wieder beim Voyager. Er zog die Tür zu, gab Gas und bog an der nächsten Ecke ab, noch bevor die ersten Nachbarn ihre Fenster aufrissen. Am Abend saß Martin in seinem Wohnzimmer und sah zu, wie die Meldung auf der Website der Daily Mail nach oben rutschte.
 
Mord vor Wohnhaus. Geschäftsmann in Südlondon erschossen.
Polizei prüft Zusammenhang mit organisiertem Verbrechen.
 
Er schob das Tablett mit dem unangetasteten Essen beiseite und goss sich einen Jack Daniel’s ein. Das Eis knackte leise im Glas. Dann klingelte es. Martin schloss für einen Moment die Augen. „Wer jetzt noch?“ Er öffnete die Tür.
 
Draußen stand eine Frau Ende vierzig, teuer gekleidet, das Make-up verlaufen, die Hände ineinander verkrampft. Eine von denen, die das Messingschild an seiner Tür ernst nahmen.
MARTIN SANDERS – PRIVATE INVESTIGATIONS
 
„Sind Sie Martin Sanders? Der Privatdetektiv?“
„Ja.“
 
„Ich möchte, dass Sie—“
 
„Tut mir leid“, unterbrach er sie. „Ich bin auf Monate ausgebucht.“
 
Er schloss die Tür, bevor sie weiterreden konnte. Heute hatte er einen Mann getötet, den er einmal besser gekannt hatte, als ihm lieb war. Ruhe war kein Luxus mehr, sondern Notwendigkeit. Das Telefon klingelte. Martin hob sofort ab.
 
„Ja?“
 
„Hier auch hallo.“
 
Charley. Zum ersten Mal seit Stunden veränderte sich sein Gesicht wirklich. Nicht weicher. Aber wacher.
 
„Bist du fertig?“, fragte sie.
 
Martin sah auf die Schlagzeile auf dem Bildschirm, dann auf das Glas in seiner Hand.
 
„Ja.“
 
„Dann komm morgen nach Hamburg.“
 
Einen Moment lang sagte er nichts. Regen. Elbe. Alte Namen.
 
„Ich komme“, sagte er leise. „Die Jagd hier ist vorbei.“
Zwei
 
„Verdammt, nichts geht mehr!“, brüllte Bernd und rieb sich fahrig über die Wange. Es war seine Standardgeste, sobald der Stresspegel stieg.
 
Bernd und seine neun Kollegen verwalteten das Herzstück der Firma: vierzehn Großrechner und zweihundert Server. Wenn hier etwas ausfiel, stand nicht nur ein Projekt, sondern ein ganzer Kundenblock.
 
„Was genau geht nicht mehr?“, fragte Günter, ohne den Blick von seinem Monitor zu heben. Ihn zerrten die ständigen Unterbrechungen inzwischen mehr als der Fehler selbst. Seit Tagen spielte die Hardware verrückt, und ausgerechnet heute hatte er geglaubt, endlich mit seinem Projekt voranzukommen.
 
„Das NN reagiert nicht mehr“, presste Bernd hervor und hämmerte auf die Tastatur. „Keine Rückmeldung. Gar nichts.“
 
Aus dem Hintergrund meldete sich Andreas. Seine Bassstimme hob sich kaum über das Summen der Anlagen. „Dann ziehen wir jetzt einen Dump und starten erst danach neu.“
 
„Zu spät“, sagte Leonard.
 
Er drehte sich von seiner Konsole weg und lehnte sich zurück, als hätte er gerade eine lästige Pflicht erledigt.
 
„Der Bildschirm war schon schwarz. Rabe im Kohlenkeller. Ich hab den Neustart bereits angestoßen.“
 
Einen Moment lang war es still. Dann fuhr Günter hoch.
 
„Was hast du getan?“ Er sprang auf, der Stuhl rollte gegen den Tisch. „Die Systemprogrammierer brauchen den Dump zur Analyse!“
 
„Jetzt ist der Fehlerstatus weg“, sagte Andreas. Nicht laut, aber hart genug.
 
Leonard zuckte mit den Schultern. „Und? Zur besten Online-Zeit warten wir keine halbe Stunde auf einen Speicherabzug. Die Kunden zahlen für Verfügbarkeit, nicht für schöne Fehlerprotokolle. Das System fährt gerade wieder hoch. Problem erledigt.“
 
Er stand auf.
 
„Ich geh essen. Mahlzeit.“
 
„Du spinnst doch!“, rief Günter ihm nach.
 
Privat mochten sie befreundet sein. Hier in der Brücke waren sie Gegner. Günter glaubte an Kontrolle, Leonard an Betrieb. Günter wollte verstehen, Leonard wollte, dass der Laden lief. Meistens hatte keiner von beiden ganz unrecht. Das machte es schlimmer. Leonard blieb im Türrahmen kurz stehen. Hinter ihm summten die Rechner, vor ihm flimmerte der neonhelle Flur. Seit der Fusion war alles schwieriger geworden: mehr Formulare, mehr Hektik, mehr Leute, die von Verantwortung redeten und sie nach unten weiterreichten. Eigentlich hätte er längst kündigen müssen. Aber die Angst, ohne Job dazustehen, war schwerer als jeder Vorsatz.
 
„Lass mich einfach in Ruhe“, murmelte er.
 
In diesem Moment flog eine Bürotür auf.
„Was ist hier los?“
 
Manfred Bertram steckte den Kopf auf den Flur. Selbst aus dieser Entfernung lag in seiner Stimme genug Donner, um den Raum schlagartig zu disziplinieren.
 
„Sind wir hier im Kindergarten? Wir haben Kunden!“
 
„Günter dreht durch“, sagte Leonard trocken.
 
„Leonard hat das NN-System ohne Dump neu gestartet“, sagte Günter sofort.
 
„Ruhe“, schnitt Bertram ihm das Wort ab. „Klären Sie das fachlich. Aber leise.“
 
Bertram war nicht groß, und neben Leonard wirkte er fast schmal. An Autorität fehlte es ihm trotzdem nicht. Der Mann hatte die Firma gegründet, lange bevor andere begriffen hatten, dass man mit Rechenzeit mehr Geld verdienen konnte als mit Maschinen.
„Ich mache Mittag“, sagte Leonard.
 
Er ging los.
 
„Wenn Sie fertig sind, kommen Sie sofort in mein Büro, Mister Whitehead!“, rief Bertram ihm nach.
 
Leonard hob nur die Hand, ohne sich umzudrehen. Mister Whitehead. Das hieß nie etwas Gutes. Eine halbe Stunde später stand Leonard, satt und etwas ruhiger, vor Bertrams Tür. Er zog seine Karte durch den Schlitz. Die Tür glitt mit einem leisen Surren zur Seite. Drinnen wartete kein aufgebrachter Chef. Manfred Bertram lächelte. Das war schlimmer.
 
„Mister Whitehead!“, rief er mit einer Herzlichkeit, die Leonard sofort misstrauisch machte. „Kommen Sie rein. Setzen Sie sich.“
Leonard blieb stehen.
 
„Soll ich raten?“, fragte er. „Strafe oder Belohnung?“
 
Bertrams Lächeln wurde schmaler.
 
„Weder noch“, sagte er. „Ich habe einen Spezialauftrag für Sie.“
Drei
 
Als Martin am nächsten Morgen in seine Dorothy stieg, blieb Martin Sanders dort zurück, wo er hingehörte: auf Visitenkarten, Türschildern und Rechnungen. Für die Fahrt nach Hamburg brauchte er Darwin. Der Jaguar XJ8, Baujahr 1998, glitt ruhig über den Asphalt. Martin liebte dieses Auto. Nicht wegen der Geschwindigkeit, sondern wegen der Disziplin, mit der es fuhr. Kein Ruckeln, kein Drängen, kein unnötiger Lärm. Nur das tiefe, gleichmäßige Grollen der acht Zylinder und die Straße vor ihm.
 
Er schaltete kein Radio ein. Die zwei Stunden auf der Fähre von Dover nach Dünkirchen verbrachte er schlafend in seinem Sitz, den Mantel über die Brust gezogen. Danach lagen noch fast achthundert Kilometer vor ihm. Für andere wäre das eine Zumutung gewesen. Für Darwin war es Meditation. In letzter Zeit dachte er öfter ans Aufhören.
 
Der Job mit Rick O’Leary gestern saß ihm noch in den Knochen. Rick hätte geredet. Über Geschäfte, über Scotland Yard, über ihn. Vielleicht auch über Dinge, die länger zurücklagen, als Martin lieb war. Dieses Mal war Darwin schneller gewesen. Dieses Mal. Aber was war beim nächsten Mal? Was, wenn er irgendwann eine Sekunde zu spät kam? Er hielt den Blick auf die Fahrbahn gerichtet. Grauer Himmel. Lastwagen. Leitplanken. Der Rhythmus der Strecke beruhigte ihn nicht mehr so zuverlässig wie früher. Seine Gedanken glitten zurück zu der ersten Waffe, die er in der Hand gehalten hatte. Er erinnerte sich noch an das Gewicht. Schwerer, als etwas in Kinderhände gehörte. Er war elf gewesen. Sein Vater war zurückgekommen, betrunken wie immer, mit der alten Wut im Gesicht und dem süßlichen Geruch von Alkohol, Schweiß und nassem Mantel. Jahre hatte die Familie vor ihm Ruhe gehabt. Dann stand er wieder in der Küche und brüllte, als hätte ihm jemand das Recht auf Angst und Gewalt nur vorübergehend genommen.
Martin wusste, wo die alte Armeepistole lag. Und er wusste, dass sie geladen war. Später hatte niemand mehr gefragt, wohin sein Vater verschwunden war. Nicht richtig. Vielleicht wollten manche Antworten gar nicht gefunden werden. Seit jener Nacht wusste nur Darwin, wo der Mann begraben lag. Seine Mutter starb kurz darauf, ohne je die Wahrheit zu erfahren. Oder ohne sie auszusprechen. Martin hatte damals geglaubt, sein Leben würde irgendwann in eine andere Richtung abbiegen. Er hatte Physik studieren wollen. Formeln, Ordnungen, Gesetzmäßigkeiten. Etwas, das sich berechnen ließ. Stattdessen war er in einer Detektei gelandet und hatte schnell begriffen, dass Menschen weit unordentlicher waren als jedes Teilchenmodell. Die Ironie gefiel ihm bis heute.
 
Seine offizielle Lizenz als Privatdetektiv war die perfekte Tarnung. Martin Sanders durfte Fragen stellen, sich in fremde Leben einmischen, beobachten, fotografieren und Waffen besitzen. Seine registrierte Dienstwaffe war sauber. Aus ihr war nie ein Schuss auf einen Menschen gefallen. Für alles andere hatte Darwin andere Werkzeuge. Als das Schild Richtung Hamburg näher rückte, wurde sein Griff am Lenkrad fester. Die Stadt wartete nicht auf Martin Sanders. Sie erinnerte sich an Darwin.
 
Vier
Manfred Bertram hatte sich kurzgefasst. Zu kurz. Leonard wurde das Gefühl nicht los, dass der Chef ihn nicht nur geschickt, sondern vor allem aus der Schusslinie genommen hatte. Seit der Fusion lagen in der Firma die Nerven blank, und Bertram sprach inzwischen mit einer Knappheit, die nie etwas Gutes bedeutete.
 
„Sie fliegen nach Hamburg“, hatte er gesagt. „Zur Firma Engelhardt. Die brauchen Unterstützung bei einer Migration.“
 
Dann hatte er Leonard einen USB-Stick über den Schreibtisch geschoben.
 
„Die Zugangsdaten sind hier drauf.“
 
Mehr nicht. Jetzt saß Leonard im Flieger und starrte aus dem Fenster in eine wattige graue Wolkendecke. Hamburg. Fünf Tage weg von Günter, weg von den Störungen, weg von der Fusionspanik und den endlosen Debatten darüber, wer für welches Problem verantwortlich war. Vielleicht war genau das nötig. Abstand. Ein anderer Serverraum, andere Gesichter, anderer Ärger. Am Hamburger Flughafen holte er seinen Mietwagen ab. Ein BMW 7er. Nicht schlecht, dachte Leonard, als er sich hinter das Steuer sinken ließ. Aber kein Vergleich zu seinem Oldsmobile Toronado zuhause, diesem unvernünftigen, durstigen Monster, das in Europa praktisch ein fahrender Benzinunfall war.
 
Er lenkte den BMW zum Panorama Hotel am Stadtrand. Die Straßen glänzten feucht, der Himmel hing tief, und Hamburg wirkte auf ihn in diesem Licht gleichzeitig ordentlich und unerfreulich. Als er die Lobby betrat, roch es nach Kaffee, Teppichreiniger und dieser klimatisierten Neutralität, die alle besseren Hotels miteinander gemeinsam hatten. Hinter dem Tresen sortierte eine junge Frau Schlüssel.
 
„Guten Tag“, sagte Leonard.
 
Sie drehte sich um und schenkte ihm das professionelle Lächeln, das in Hotels nie ganz persönlich wirkte.
 
„Guten Tag. Womit kann ich dienen?“
 
„Whitehead. Ich habe reserviert.“
 
„Einen Moment, Mister Whitehead.“
 
Laut Namensschild hieß sie Sophie Holland. Sie tippte auf ihrer Tastatur, runzelte die Stirn, tippte noch einmal und sah dann erneut auf den Bildschirm.
 
„Sind Sie sicher? Ich finde keine Reservierung.“
 
Leonard zog die Augenbrauen zusammen.
 
„Ganz sicher. Versuchen Sie es über die Firma. BCI.“
 
Wieder tippte sie, diesmal länger. Wieder hob sie den Blick.
 
„Tut mir leid. Auch da nichts.“
Leonard spürte, wie ihm die Geduld entglitt.
 
„Das gibt’s doch nicht. Meine Sekretärin hat mir die Bestätigung noch gestern in die Hand gedrückt.“
 
„Gibt es ein Problem?“
 
Die Stimme kam von schräg hinter ihm. Tief, ruhig, sofort präsent.
 
Leonard drehte sich um.
 
Ein Mann von etwa fünfzig trat näher. Grau meliertes Haar, makelloser Anzug, Haltung wie gebügelt. Er bewegte sich mit der diskreten Selbstverständlichkeit eines Menschen, der in einem Hotel nicht arbeitet, sondern regiert.
 
„Der Herr hat reserviert“, sagte Sophie, „aber das System zeigt nichts an.“
 
Der Mann sah Leonard an, einen Tick zu direkt.
 
„Whitehead von BCI?“
 
Leonard blinzelte.
 
„Sie kennen mich?“
 
Der Mann lächelte.
 
„Ja und nein. Oliver König. Chefportier.“ Er reichte ihm nicht die Hand. „Ich habe den Anruf heute Morgen selbst entgegengenommen. Ausgerechnet da war unser System kurz ausgefallen. Ich habe Ihre Buchung deshalb handschriftlich notiert.“
 
Er griff unter den Tresen und zog eine schmale Mappe hervor. Zwischen Quittungen, internen Formularen und hastig beschriebenen Zetteln lag eine Karteikarte mit Leonards Namen.
 
WHITEHEAD / BCI / 909
 
Die letzte Ziffer war mit schwerem Druck geschrieben. Eine Neun, die bei flüchtigem Blick wie eine schlecht geschlossene Sechs hätte aussehen können. König sah einen Moment zu lange auf die Karte. Dann schob er sie wieder unter die Mappe.
 
„Sophie“, fuhr er fort, „geben Sie Mister Whitehead bitte Zimmer 909. Das war mein Fehler.“
 
Sophie nickte sofort und griff nach einem Schlüssel.
 
Leonard nahm ihn entgegen. Ein kleines Metallschild baumelte daran: 909.
 
Alles daran war lösbar.
 
Genau das gefiel ihm nicht.
 
„Danke“, sagte er.
 
König nickte mit einem Lächeln, das höflich gemeint war und trotzdem etwas Abschließendes hatte. Leonard ging zum Aufzug. Das Summen der Lobby, das leise Rollen von Koffern, das Klimaanlagenrauschen — all das blieb hinter ihm zurück, als die Türen sich schlossen. Erst jetzt merkte er, wie schwer der Flug noch in seinem Kopf lag. Ein dumpfer Druck saß ihm hinter den Augen. Misstrauen brauchte Energie. Gerade hatte er nur noch genug für eine Dusche und einen Blick auf die Daten für den nächsten Tag. Er fuhr in den neunten Stock.

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